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Ewige Ehemalige: Die feministische Vorreiterin

Journalistin, Publizistin und Dozentin – Gitti Henschels Lebenslauf könnte wahrscheinlich Bände füllen. Sie erzählt FURIOS, was die erste Frauenquote Deutschlands mit nackten Brüsten zu tun hat und appelliert an die jungen Leute, demonstrieren zu gehen. Von Hannah Lichtenthäler

Birgitta Hentschel ist bei allen nur als Gitti Hentschel bekannt_copyright Bernd Borgmann-min

Birgitta Hentschel ist bei allen nur als Gitti Hentschel bekannt. Bild: Bernd Borgmann

Gitti Hentschel hat ihre feministischen Positionen während der Gründungsphase der taz radikalisiert. Sie und ihre Mitbegründer*innen wollten mit dieser Zeitung eine Plattform für alternative, in den anderen Medien unterdrückte Inhalte und die linke Szene bieten und die herkömmlichen Nachrichten „vor allem nochmal gegen den Strich bürsten”. Die erste taz erschien am 17. April 1979 – ein Datum, das Hentschel nie vergessen wird. „Wir haben unsere erste Zeitung damals sehr stolz in Kneipen selbst verkauft“, erinnert sie sich. Doch so radikal progressiv die Absichten bei der taz-Gründung auch waren – sie war zunächst trotzdem eine ziemliche Männerdomäne. Zusammen mit anderen Frauen von der taz führte sie die Frauenseite ein, denn es brauchte einen eigenen Raum und mehr Zeit, Themen aus feministischer Perspektive zu beleuchten.

In der Küche ihrer Kreuzberger Wohnung erzählt Hentschel bei Kaffee und Kuchen von ihren bisherigen Stationen im Leben und was sie den jüngeren Generationen mit auf den Weg geben würde. Sie besucht als Mädchen eine Nonnenschule im Ruhrpott. Nach dem Abitur studiert sie zunächst zwei Semester in Münster. „Nach 1968 waren einige Fachbereiche der Uni schon irgendwie links, aber Münster selbst war ein spießiges Kaff“, erzählt sie. Deshalb geht sie 1970 nach Berlin. An der FU absolviert sie daraufhin ihr Studium in Publizistik mit Germanistik und Soziologie im Nebenfach. Ob es zu der Zeit an der FU einen Raum für feministischen Aktivismus gab? Das habe Hentschel so nicht erlebt, denn auch die Universität sei ein Raum der Macker gewesen, in dem Frauen versuchten, Positionen für sich zu entwickeln.

Nach ihrer Zeit der an der FU studiert sie an der Alice-Salomon-Hochschule noch Sozialpädagogik, wo sie bis heute Seminare gibt. In den 1980er Jahren kehrt sie noch einmal an die FU zurück und lehrt am OSI, vor allem zu Frauen und Medien. Dieses und weitere Themen wie sexualisierte Gewalt, feministische Netzpolitik und Friedens- und Sicherheitspolitik sind für Hentschel zentral. Sie spiegeln sich in ihrer Arbeit an der Hochschule, als Journalistin und später als Leiterin des Gunda-Werner-Instituts in der Heinrich-Böll-Stiftung wieder.

Hier in ihrer Wohnung wurde Geschichte geschrieben: Zusammen mit anderen Frauen der taz plante Hentschel den Frauenstreik. Damals wurden oft feministische Texte als unwichtig abgetan – zum Beispiel zum Thema sexueller Missbrauch. „Wir sind auf die Barrikaden gegangen, denn wir wollten uns nicht mehr alles gefallen lassen.“ Ihre Forderung lautete, 52 Prozent aller Stellen weiblich zu besetzen. Die Durchsetzung dieser Frauenquote war revolutionär – nicht zuletzt wegen der sprichwörtlich entblößenden Durchführung: Es war Deutschlands erste Frauenquote.

„Uns Frauen wurde in den Sitzungen Prüderie vorgeworfen“, erklärt Hentschel. In Diskussionen seien Feministinnen häufig als Spaßbremsen und lustfeindlich bezeichnet worden – das sei auch heute noch manchmal so. Deshalb entschlossen sich die taz-Frauen, beim Stichwort „Prüderie“ allesamt ihre Pullover auszuziehen. Tatsächlich trat dieser Moment ein, so dass sie oben ohne in der Runde saßen. „Die Männer waren in Schockstarre“, lacht Hentschel. Einer von ihnen ging dann aus dem Raum und kam in einem Mantel zurück, den er vor allen öffnete – darunter war er nackt. „Alle fingen an zu lachen – dieser Moment hatte etwas sehr Befreiendes und Versöhnendes.“

Für Hentschel steht fest: „Wir haben unheimlich viel erreicht.“ Gerade die feministische Bewegung der 70er und 80er bis in die 90er habe viele Rechte erkämpft und nun sei die Aufgabe, diese Rechte zu erhalten und auszuweiten. Aber wofür sollten wir heute auf die Straße gehen? In ihren Augen ist feministische Netzpolitik eines der wichtigsten Themen heute. Speziell Migrant*innen seien im Netz Zielscheibe von Diffamierung und Diskriminierung. Auch hält sie reproduktive Rechte nach wie vor für wichtig. Noch immer haben Frauen nicht überall die Freiheit, über den eigenen Körper entscheiden zu können und ohne Repressionen abzutreiben. Doch der Feminismus ist lange nicht alles, das ihr am Herzen liegt: Hentschel wendet sich gegen jede Form von Interventionspolitik, Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien, gegen Trump und die Militarisierung der Gesellschaft. „Wir müssten jetzt eigentlich wieder ununterbrochen auf die Straße gehen“, lacht sie.

 

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