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Das ewige Praktikums-Dilemma

Praktika werden für die spätere berufliche Laufbahn immer wichtiger. Leider sind finanzielle, organisatorische und zeitliche Hürden oft viel zu hoch. Zeit für eine neue Praktikumskultur, findet Hanna Sellheim.

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Der wohl größte Widerspruch für alle Studierenden sind Praktika. Sie sind Pflichtbestandteil in den meisten Studiengängen, ohne berufliche Erfahrung oder Vitamin B aus Praktika wird sowieso kein Mensch eingestellt, doch gleichzeitig sollen Studierende den Bachelor möglichst in Regelstudienzeit absolvieren. Es scheint gerade so, als hielten Universitäten vorsätzlich die Studierenden davon ab, Praktika zu machen.

Schon allein die Struktur der Semester erschwert das Absolvieren von Praktika erheblich: Die vorlesungsfreie Zeit im Wintersemester ist für ein Praktikum zu kurz. Viele Praktika werden nur für drei Monate ausgeschrieben. Und auch kürzere oder Teilzeit-Praktika sind neben Hausarbeiten und Uni nur schwer zu bewältigen. Die vorlesungsfreie Zeit im Sommer ist zwar länger, birgt aber ein anderes Problem: Sie fällt mit dem Sommerloch in vielen Branchen zusammen. Wer sich auf einen Einblick in spannende Tätigkeiten freut, wird im Sommer oftmals enttäuscht – das Büro ist dann gähnend leer und der*die Praktikant*in wird mit Beschäftigungstherapie à la Kaffee kochen abgespeist. Studierenden bleibt also oft nur die Wahl, ein Urlaubssemester einzulegen, um sich ein Praktikum zu ermöglichen. Die aktuelle Sozialerhebung des Studierendenwerks zeigt: Jede*r Fünfte, der*die sein*ihr Studium unterbricht, tut dies für ein Praktikum. Zudem müssen Bewerbungen für begehrte Stellen und Auslandspraktika oft mindestens ein Jahr im Voraus geschrieben werden, was die zeitliche Planung zusätzlich erschwert.

Das Mindestlohn-Alibi

Masterstudierende stehen vor einem weiteren Problem: Während im Bachelor zumeist ein Pflichtpraktikum vorgesehen ist, können sie nur freiwillige Praktika absolvieren. Diese werden aber meistens gar nicht oder nur in sehr geringer Zahl ausgeschrieben. Das hat auch finanzielle Gründe: Freiwillige Praktikant*innen, die länger als drei Monate arbeiten, haben nämlich Anspruch auf den Mindestlohn. Dabei sollten gerade Studierende im Master, die kurz vor dem Eintritt in das Berufsleben stehen, die Chance auf qualifizierende Praktika haben.

Dass Praktika häufig gar nicht oder nur gering bezahlt werden, ist ein Skandal. Nicht nur, dass von Praktikant*innen verlangt wird, zu einem Hungerlohn in Vollzeit zu schuften, ist zu verurteilen. Darüber hinaus werden so künftige Berufsanfänger*innen selektiert: Denn nur privilegierte Studierende, die von ihren Eltern gesponsert werden, können es sich leisten, zwei bis sechs Monate lang unbezahlt den ganzen Tag über zu arbeiten. Wer sich mit einem Nebenjob das Studium finanziert, muss entweder für ein Praktikum Geld zur Seite legen oder Nacht- und Wochenendschichten nebenher übernehmen. Im Jahr 2017 ist das nicht zu rechtfertigen.

Wo bleibt die gerechte Praktikumskultur?

Dafür, dass Praktika so ubiquitär geworden sind, sind viele Unternehmen außerdem immer noch erstaunlich schlecht auf Praktikant*innen vorbereitet. Oft müssen sie sich ihre Aufgaben selbst suchen oder sitzen tatenlos rum, während sie von Kolleg*innen deutlich zu spüren bekommen, dass sie eigentlich wenig erwünscht sind.

Um die Situation zu verbessern, müsste es Studierenden erleichtert werden, Praxissemester während ihres Studiums einzulegen, ohne dass ihnen dadurch Nachteile für ihren Studienverlauf entstehen. Unternehmen müssten derweil bessere Betreuungsprogramme für Praktikant*innen einrichten. Auch finanzielle Unterstützung in Form von Stipendien oder staatlichen Geldern wäre notwendig. Unis und Unternehmen müssten dann zusammenarbeiten, um eine Praktikumskultur zu schaffen, die für Studierende gerechter und besser mit ihrer Lebensrealität zu vereinbaren ist.

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