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Nicht alle von uns sind Studenten

Seit April heißt das Studentenwerk offiziell Studierendenwerk. Das wurde aber auch Zeit, findet Hanna Sellheim. montagskommentar_edited

Aller Protest und Aufschrei der konservativen Parteien und Medien hat nichts genützt: Seit Anfang des Semesters heißt das Berliner „Studentenwerk“ endgültig „Studierendenwerk“. In mehreren anderen Bundesländern – Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hamburg – war das zuvor bereits geschehen.

Die Kommentarspalte unter der Facebook-Ankündigung des Studierendenwerks hat Horden überwiegend männlicher Nutzer angelockt, die in ihren Kommentaren gerne von „Steuergeldverschwendung“, „Genderwahn“ oder „Linksextremen“ fabulieren. Es ist schwer zu begreifen, wieso so viele Menschen sich immer noch vehement gegen eine Sprache, die alle Geschlechter einschließt, wehren. Denn die Änderung eines Begriffes, der die sexistische Vorstellung reproduziert, nur Studenten – also Männer – könnten eine Universität besuchen, kann nur dabei helfen, der Vielfalt unserer heutigen Gesellschaft gerechter zu werden.

Zunächst ist Sprache nämlich keineswegs so unbedeutend, wie Gegnerinnen und Gegner der Gendergerechtigkeit es gerne scheinen lassen. Sprache und Denken sind unmittelbar miteinander verquickt, beeinflussen einander. „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, schrieb Ludwig Wittgenstein schon 1914. Eine Gesellschaft, die eine Sprache nutzt, in der Männer dominieren, räumt Menschen, die keine Männer sind, keinen Platz ein. Es stimmt, dass Sprachwandel ein zäher, langwieriger Prozess ist, der sich nur schwer beeinflussen lässt. Doch ist es deshalb falsch, wenigstens zu versuchen, Sprache bewusster zu benutzen und so gerechter für alle zu gestalten?

Investition in Geschlechtergerechtigkeit

Gerne kommen all jene, die der gendergerechten Sprache abgeneigt sind, auch mit dem Argument, „Studierende“ sei kein grammatikalisch korrekter Begriff. Es ist immer wieder erstaunlich, dass Menschen, denen korrekte Sprache sonst reichlich schnuppe ist, sich in geradezu Derrida’sche Höhen heraufschwingen können, sobald es um die Dekonstruktion sprachlicher Neuschöpfungen wie „Studierende“ geht, deren Ziel es ist, bestehende Geschlechterkonzepte zu hinterfragen. Denn denken wir dieses Argument einmal zu Ende, müssten wir dann jedes Wort der deutschen Sprache nach seiner grammatikalischen Korrektheit befragen. Schnell kämen wir da in eine Bredouille, müssten wir doch einige unserer schönsten Worte aufgeben, weil sie schlichtweg falsch sind.

Sicher, die Umbenennung ist teuer – 800.000 Euro kostet sie laut B.Z. die Stadt. Und es stimmt, dass dieses Geld auch anders genutzt werden könnte. Doch dieses Geld wird ja keineswegs auf einen Schlag verprasst – vielmehr werden die Schilder nach und nach ausgetauscht, wenn sie ohnehin ersetzt werden müssten. Teile des Geldes würden also auch ohne die Umbenennung ausgegeben werden.

Und erscheint diese Summe nicht verschwindend gering, wenn wir uns vor Augen führen, dass Frauen immer noch im Schnitt weniger verdienen als Männer, dass immer noch ein Mann trotz offensichtlich zur Schau getragener misogyner Haltung zum amerikanischen Präsidenten werden kann und dass intersexuelle Menschen immer noch kein eigenes Geschlecht in das Personenstandsregister eintragen dürfen? Auch wenn es für jene, die glauben, unsere Welt habe schon das größtmögliche Maß an Diversität und Gleichberechtigung erreicht, ein schwer zu fassender Gedanke sein mag: Eine bewusstere Verwendung von Sprache in der Öffentlichkeit kann dabei helfen, die Gesellschaft zu einem besseren Ort für Frauen und Menschen, die sich nicht an ein binäres Geschlechterkonzept binden wollen, zu machen.

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