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Furios stellt vor: Peter Szondi

Die FU war die erste deutsche Universität mit einem Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Das hat sie Peter Szondi zu verdanken. 2005 wurde das von ihm begründete Institut nach ihm benannt. Von Lukas Burger

Peter Szondi begründete das erste komparatistische Institut Deutschlands.

Peter Szondi begründete das erste komparatistische Institut Bundesrepublik. Quelle: dpa

In einer Zeit in der schon Schriftsteller, die als Personen des öffentlichen Lebens gelten, an einer Hand abzuzählen sind, ist es beinahe absurd, sich das Gleiche für Literaturwissenschaftler vorzustellen. Heutzutage haftet ihnen das Stigma der Weltabgewandtheit an. Literaturwissenschaft wird an Universitäten für Universitäten betrieben und schafft nur sehr selten den Sprung in einen breiteren Diskurs.

Peter Szondi, geboren 1929, hat diesen Sprung regelmäßig gewagt. Er lebte in einer Zeit, in der gesellschaftliche Diskurse noch von Literaten und Philosophen mitbestimmt wurden. Szondi war mit Adorno und Celan befreundet –  zwei Autoren, deren Schreiben mehrere Debatten anstieß.

Gefürchteter Schreiber von Leserbriefen

Doch Szondi überließ es nicht nur seinen Freunden, an öffentlichen Debatten teilzunehmen, sondern schaltete sich regelmäßig selbst ein. Unter anderem als pointierter und gefürchteter Schreiber von Leserbriefen an Zeitungen. Dabei beschränkte er sich nicht auf Themen der Literaturwissenschaft. Als 1960 in der Zeitschrift Magnum die Frage gestellt wurde, ob man „einen jüdischen Gauner, keinen Gauner nennen dürfe – nur weil er Jude ist“, antwortete er in einem später gedruckten Leserbrief: „Aber die Frage müsste doch heissen: „Soll man einen Gauner einen jüdischen Gauner nennen nur weil er Jude ist?‘ Denn man spricht weder von einem protestantischen noch von einem germanischen Gauner.“ Eine wichtige Feststellung in einem Jahrzehnt, in dem der Holocaust noch lieber verdrängt als aufgearbeitet wurde.

Szondi selbst stammte aus einer jüdischen Familie. Mit ihr war er 1944 mehrere Monate im Konzentrationslager Bergen Belsen interniert. Die Familie wurde im Rahmen des sogenannten Kasztener-Abkommens freigekauft.  Das „Komitee für Hilfe und Rettung“ unter dem Vorsitz von Rudolf Kasztner konnte über 1600 jüdische KZ-Insassen retten, indem diese freigekauft und in die Schweiz gebracht wurden. Dort begann Szondi später Germanistik, Romanistik und Philosophie zu studieren.

Szondi dachte international

1960 wurde Peter Szondi Direktor des von ihm mitbegründeten Lehrstuhls Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU. Seine große Leistung bestand darin, das erste komparatistische Institut der Bundesrepublik Deutschland aus der Taufe zu heben. Davor bestand der wissenschaftliche Umgang mit Literatur in Deutschland vor allem aus der Betonung ihrer identitätsstiftenden Rolle für die deutsche Nation. Man deutete sie als Grundlage der deutschen Kultur, anstatt sich theoretisch mit ihren Techniken und Funktionen auseinanderzusetzen.

Zu einer Zeit in der die nationale Philologie noch vor Scham über die eigene Rolle im Nationalsozialismus erstarrt war, dachte Szondi international. Er brachte die systematische Untersuchung von Literatur auf den Plan: etablierte Literaturtheorie, Gattungspoetik und Literatursoziologie zur Untersuchung von literarischen Werken in Deutschland. Von internationalem Format waren auch die Gäste, die er nach Dahlem einlud: Theodor W. Adorno, aus Israel den jüdischen Religionskritiker Gershom Scholem, aus Frankreich den französischen Poststrukturalisten Jacques Derrida.

1971 ertränkte Peter Szondi sich im Halensee. Die Gründe für seinen Suizid bleiben offen. 2005 wurde das Institut, das er begründete nach ihm benannt. Die Ideen, die er dort etablierte haben sich durchgesetzt und verbreitet. Sein Institut war zwar deutschlandweit das erste seiner Art, sollte aber nicht das einzige bleiben.

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