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Wenn Journalisten Amok laufen

Der Täter heroisiert, die Opfer ignoriert – Journalisten vergessen bei Gewalttaten oftmals ihre große Verantwortung. Der FU-Film „media running amok“ will das ändern. Von Hanna Sellheim und Lisbeth Schröder.

 

Wenn Journalisten Amok laufen. Illustration: Zoe Schütte

Wenn Journalisten Amok laufen. Illustration: Zoe Schütte

Es ist eine Zeit, da jeder sein Gesicht kennt: Tim Kretschmer, 17 Jahre alt, starrt nach dem Amoklauf 2009 in Winnenden unter allen Schlagzeilen dem Leser in die Augen. „Jeder hat gewusst, dass er beim Armwrestling war, Tischtennis gespielt hat und sein Vater ein ganz großer Waffennarr war“, so eine der Überlebenden der Tat. Das Interview mit ihr ist Teil des Films „media running amok“.

Der Forschungsverbund „Target“ und das „Dart Center für Journalismus und Trauma“ riefen das Projekt ins Leben, in dem sie am Beispiel von Winnenden das Verhalten der Medien bei Gewalttaten kritisieren. Denn besonders bei diesem Ereignis schien die mediale Moral in Vergessenheit geraten zu sein: Journalisten zerrten Überlebende direkt nach der Tat vor Kameras und verdrehten sogar Fakten, um besonders die Berichterstattung über den Täter noch spektakulärer zu gestalten. Vincenz Leuschner, Ansprechpartner des Forschungsverbunds an der FU, und seine Kollegen wollten dies ändern und begannen mit der Arbeit an ihrem Film. „Wir wollten trotz allem nicht ein Produkt kreieren, das mit einem moralischen Zeigefinger daherkommt“, so Leuschner über die Intention des Projekts.

Schwarz-weiße Melancholie

Der Film informiert über die mediale Aufbereitung des Geschehens mit Fakten, Interviews und Zwischensequenzen, in denen der Zuschauer Stillleben der Schule in schwarz-weiß sieht. Auch wenn sich die Unterlegung mit trauriger Klaviermusik hin und wieder selbst gefährlich an der Grenze zur kritisierten Emotionalisierung bewegt, so enthält sich der Film dennoch jeder Übertreibung oder Darstellung des Täters.

Die Überlebenden und Angehörigen der Opfer werden deshalb so dargestellt, dass es im Einklang mit der Moral des Films steht: sie erzählen von ihren Erfahrungen mit den Medien, ohne ausgefragt zu werden. Experten unterlegen die Berichte mit psychologischem und soziologischem Wissen. Diese Linie durchzusetzen war jedoch nicht ganz einfach, wie Leuschner erzählt: „Unser Regisseur wollte zuerst auch Überwachungsvideos eines Amoklaufs einbauen. Aber wir haben dann beschlossen, dass wir nicht selbst eine Strategie der ‘Bebilderung‘ einschlagen können, die wir im Film kritisieren.“

Jugendliche im Fokus

Schon seit 2013 untersucht „Target“ zielgerichtete Gewalttaten jugendlicher Einzeltäter, welche die öffentlich Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dabei sollen besonders Muster und gegenseitige Bezugnahmen unter den einzelnen Taten erkannt werden. Zur Begeisterung für vorherige Amokläufer trage häufig auch die Berichterstattung von Zeitungen, Fernsehen und Radio bei, so Leuschner. Die Heroisierung der Täter sei für viele erst der Anreiz, überhaupt einen Amoklauf zu planen.

Deshalb soll „media running amok“ besonders Journalisten in der Ausbildung für eine angemessene Berichterstattung sensibilisieren, um so dann auch der Prävention weiterer Gewalttaten zuarbeiten zu können. Der breiten Öffentlichkeit soll der Film erst einmal nicht zugänglich gemacht werden, denn auch wissenschaftliche Publikationen seien nicht davor gefeit, ungewollt bei einer Verherrlichung von Gewalttaten mitzuwirken. Studierende der forschungsnahen Fächer, wie der Publizistik, können ihn dennoch im Raum JK25/122b ausleihen.

Ein Kommentar

  • Schlimmer als jeder Amoklauf: der mentale Auto-Onanismus der so geschimpften Medien. Nach jedem Skandal, jedem Scheißegewitter wohlfeile Selbstgeißelungsakrobatik – bis zur nächsten großen „Story“.

    „Journalismus: der schönste Beruf; der erbärmlichste Berufsstand.“ (Nicolaus Fest)

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