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„Ich sehe deinen account“

Moderne Lyrik von jungen Autoren fristet häufig ein Nischendasein. Sina Kleins Debütband „narkotische kirschen“ beweist, dass das nicht so sein muss. Von Carla Hegerl

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„narkotische kirschen“ ist der Debütband der jungen Autorin Sina Klein. Foto: Carla Hegerl

Lyrik erreicht seit langem kein breites Publikum mehr. Gedichtbände zeitgenössischer Autoren sind neben der Flut der jährlich veröffentlichten Romane zu einer Fußnote des Literaturgeschäfts geworden. Dabei tut sich viel in der Szene: Die Anzahl junger Autoren wächst, Lesereihen und unabhängige Verlage sprießen überall.

Eine junge Autorin, deren Debütband „narkotische kirschen“ vor kurzem im Wiener Klever-Verlag erschien, ist Sina Klein. Ihr Buch ist klein, rot und gefüllt mit 76 bemerkenswerten Gedichten und Titeln wie „kamera/cut“, „der kaffee ist definierbar“, „zzz“ und „sommertomaten“.

Klein arbeitet mit einer dicht komponierten, beinahe organischen Sprache, die sowohl Traditionalisten als auch Freunden der Zeitkritik etwas bietet. Und ja, es wird gereimt in diesen Gedichten, in Zeilen wie: „ihre zeitanlage kreist den abend wund – / hab zwei augen, mir die weiten zu verdoppeln. / brandmal wird die zeit in meiner iris, rund – / hab zwei arme, mich mit einem mir zu koppeln.“ Die meisten Germanisten werden sich freuen, dass hier jemand die Worte Konsonanz, Assonanz, Kadenz und Sonett zu buchstabieren weiß.

Und doch trägt Klein, selbst studierte Germanistin, ihr handwerkliches Können ohne Aufdringlichkeit in ihre Gedichte. Metrum und Reim sind kein Selbstzweck und mischen sich beinahe nebensächlich zwischen die freien Verse. Man liest rhythmisch und klanglich präzise komponierte Zeilen wie „sonne schlitzt mir ihren gruß in die pupille, / lichte krallen treffen mich verschmitzt“, muss kurz innehalten – und nochmal lesen. Das beste also, das einem Gedicht passieren kann.

Lyrik in Zeiten des iPhones

Bei aller handwerklicher und kompositorischer Finesse muss man diesen Gedichten aber auch die Frage nach dem bei zeitgenössischer Lyrik oft vermissten „Realitätsbezug“ stellen. Denn ob es der Lyrik reichen darf, ästhetischen Ansprüchen zu entsprechen oder ob sie von ihren subversiven Möglichkeiten Gebrauch machen sollte, ist ein lange und gerne diskutierter Streitfall.

In Kleins Gedichten blitzen die Themen unserer Generation immer wieder wie Kurzschlüsse auf und entfalten vor dem Hintergrund ästhetisierter Sprache eine nachhallende Wirkung. Der Konsumismus, die Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen und die Digitalisierung („ich sehe deinen account“) sind Themen, über die junge Leute im 21. Jahrhundert sich Gedanken machen sollten – und Kleins Texte regen durchaus dazu an.

Es lohnt sich also, Goethe und Rilke bei aller Liebe auch mal beiseite zu legen und mit diesem Buch einen Ausflug in die zeitgenössische Lyrik zu wagen.

 

Sina Klein: „narkotische kirschen“´, Wien: Klever-Verlag 2014

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