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Gedenkfarce des Präsidiums

In den Gaskammern von Auschwitz wurden 1,1 Millionen Menschen ermordet. Dieser Menschen zu gedenken, ist auch an der Universität unverzichtbar. Aber nur, wenn es ernst gemeint ist, meint Julian Jestadt.

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1,1 Millionen Menschen wurden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Trotz dieses unermesslichen Leids wollen viele einfach vergessen: Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung wollen 55 Prozent der Befragten „endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen“. Das Präsidium der Freien Universität hat diesen Schlussstrich gedanklich wohl schon gezogen.

Wie es nämlich um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus im Präsidium steht, machte am vergangenen Dienstag die vom Präsidium organisierte Gedenkveranstaltung deutlich. Sie bot vor allem pressewirksame Fotogelegenheiten und wurde so zu einer herzlosen Farce.

Unwürdiges Gedenken

Schon dass die Veranstaltung überhaupt zustande kam, ist nicht dem Präsidium zu verdanken. Erst Archäologie-Professor Reinhard Bernbeck musste in der vergangenen Sitzung des Akademischen Senats (AS) den anstehenden Gedenktag ins Bewusstsein des Präsidiums rücken.

Dass dieses Bewusstsein bis dahin fehlte, ist schlichtweg erschreckend. Gerade weil erst im vergangenen Sommer ein Knochenfund an die Verwicklung des Campus Dahlem in die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnerte: In Nähe des ehemaligen „Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ wurden die Gebeine mutmaßlicher Opfer des NS-Regimes gefunden.

Auch im Umgang mit diesem Fund zeigte das Präsidium sehr wenig Feingefühl, wie ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Tagesspiegels nahelegt. Aber anstatt diese Gedenkveranstaltung dafür zu nutzen, ein Bewusstsein für ein dunkles Kapitel der Universität und unserer Geschichte unter Beweis zu stellen, bewies das Präsidium erneut das Gegenteil: fehlende Sensibilität.

Pflichtprogramm ohne Herz

Buchstäblich zwischen Tür und Angel des Otto-Suhr-Instituts in der Ihnestraße 22 gedachten etwa 50 Personen der ermordeten Menschen von Auschwitz. Tags zuvor wurde per Pressemitteilung zur Gedenkveranstaltung eingeladen. Nachdem sich Präsident Peter-André Alt und Vizekanzler Matthias Dannenberg medienwirksam von den Kameras hatten ablichten lassen, wurden zwei Kränze auf die Stufen zur Tür des OSI-Gebäudes niedergelegt. Studierende, die von innen kamen, stiegen – ohne zu wissen, was vor sich ging – über die Kränze und liefen durch die Menge. Es war beschämend.

Die Veranstaltung wirkte wie ein Pflichtprogramm, das nebenbei organisiert und genauso nebenbei abgehakt wurde – ohne Herz. FU-Präsident Alt war zwar gekommen, sagte aber während der Veranstaltung kein Wort. Er überließ Professor Bernbeck das Reden. Der war aber ebenso wie die drei von Studierenden vorgetragenen Gedichte kaum zu verstehen, weil es kein Mikrofon gab.

Später ging die Gruppe zum Fundort der Gebeine neben der Universitätsbibliothek, wo Studierende einige Kerzen anzündeten. Niemand ging näher auf den Knochenfund ein. Die Veranstaltung dauerte insgesamt nur etwa eine gute halbe Stunde. Trotzdem blieb Präsident Alt nicht einmal bis zum Schluss. Im Präsidium setzt man die Prioritäten wohl anders.

Niemand darf ein Schlussstrich ziehen

Das Präsidium hätte eine große, gut organisierte Gedenkveranstaltung an einem zentralen und ruhigen Ort ausrichten müssen, bei der wenigstens das Gefühl hätte aufkommen können, den Veranstaltern läge das Thema am Herzen. Langfristige Planung, Begleitveranstaltungen, vorlesungsfrei für alle Studierende – all das fehlte. Der Präsident hätte sprechen und natürlich bis zum Ende bleiben müssen. Das ist nicht nur vor dem Hintergrund des Knochenfundes klar, sondern auch, weil es das Mindestmaß an Mitmenschlichkeit und politischem Bekenntnis gebietet.

Niemals dürfen wir Auschwitz vergessen. Auch 70 Jahre danach sind Gedenken und Erinnerung unverzichtbar. Und es ist unsere Pflicht, diese Erinnerung immer und immer weiterzutragen. Doch es wirkt wie Hohn, wenn es auf eine solch unwürdige Art und Weise geschieht. Niemand darf einen Schlussstrich ziehen. Schon gar keine Universität.

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