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Flüchtlinge in FU-Turnhalle untergebracht

Seit Dezember wird die Turnhalle der FU in Dahlem als Notunterkunft für Flüchtlinge genutzt. Ohne jegliche Privatsphäre warten dort zahlreiche Familien darauf, dass es weitergeht. Julian Jestadt hat sich die Lage angeschaut.

In dieser Turnhalle leben zur Zeit rund 200 Flüchtlinge. Foto: Julian Jestadt

In dieser Turnhalle leben zur Zeit rund 200 Flüchtlinge. Foto: Julian Jestadt

Schon von weitem sieht man die Halle. Der weiße Block ragt über das U-Bahnschild in Dahlem-Dorf. Sicherheitspersonal läuft auf und ab. Hinten an der Längsseite des 1200 Quadratmeter großen Gebäudes ist der Eingang für die Helfer. Vorne an der Querseite – hinter zwei Toilettencontainern – der für die Bewohner. Im Eingangsbereich begrüßen den Neuankömmling zwischen Deutschangebot und Infos zur nächsten Arztsprechstunde zwei Zettel: „How to get to the airport.“ Innen ziehen sich lange Reihen von Feldbetten durch die Turnhalle. Alles in weiß bezogen. Es wirkt steril, aber nicht sauber.

Seit dem 19. Dezember 2014 werden in der FU-Turnhalle in Dahlem rund 200 Flüchtlinge untergebracht. Kurzfristig informierte der Senat die Freie Universität, dass die Turnhalle zur übergangsweisen Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden muss. Das „Gesetz zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ erlaubt es dem Senat, in dringenden Fällen Gebäude zu beschlagnahmen.

Auf Anfrage des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) hat die Johanniter-Unfall-Hilfe Berlin die Betreuung der Flüchtlinge vorerst übernommen. Im Dreischichtensystem versorgen neun ehrenamtliche Mitarbeiter rund um die Uhr die Bewohner der Turnhalle.

Situation vor Ort – Not oder Unterkunft?

Die Hilfsbereitschaft der Anwohner sei überwältigend, sagt Wolfang Pellnitz, ehrenamtlicher Vorstand der Johanniter. „Jedes Kind hat eine dreifache Ausstattung an warmen Schuhen, Jacken und Spielzeug.“ Zwei lokale Ärzte bieten offene Sprechstunden an. Die Kirchen bieten Deutschunterricht an. Eine Freiwillige organisiert ein kleines Freizeitangebot für die Kinder. „Alles, was die Flüchtlinge brauchen, bekommen sie hier“, meint Pellnitz zufrieden.

Das sieht Georg Classen vom Berliner Flüchtlingsrat anders. Seine Organisation kritisiert die Unterbringung in der FU-Turnhalle scharf: Es gäbe keinerlei Privatsphäre. Die Essensausgabe fände im Schlafraum statt. Frauen, Männer, ganze Familien würden ohne jede Rückzugsmöglichkeit zusammen untergebracht. Es gäbe keine Waschmaschinen oder Trockner. Das LAGeSo verweigere rechtswidrig die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Die Flüchtlinge erhielten, weder Krankenscheine, noch Fahrscheine oder Taschengeld. „Hier wird klar gegen Grund- und Menschenrechte verstoßen“, sagt Classen.

Eine vermeidbare Situation

Auch das LaGeSo, das für die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge in Berlin verantwortlich ist, räumt Mängel ein. „Die Turnhallen sind der letzte Notnagel“, erklärt Pressesprecherin Silvia Kostner. „Wir wollen die Flüchtlinge vor der Obdachlosigkeit schützen. Das ist vorerst das Wichtigste.“

Schon seit 2010 steigen die Flüchtlingszahlen bundesweit kontinuierlich an. Im Herbst ist ein Anstieg normal. Dass man jetzt Turnhallen nutze, sei eine Notsituation, die bei besserer Planung vermeidbar gewesen wäre, meint Classen.

Das Präsidium der Freien Universität äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Man spricht weiterhin von einer sehr guten Zusammenarbeit – auch in Bezug auf die Arbeiterwohlfahrt. Diese übernahm am vergangenen Freitag die Betreuung der Flüchtlinge, da die Johanniter, nach Aussage von Pellnitz, an die Grenzen ihrer Kapazitäten gestoßen seien.

Mehr Hilfe wird gebraucht

Ein Bündnis verschiedener linker Gruppierungen findet sich langsam zusammen, um Hilfe von studentischer Seite zu koordinieren. Pläne zur Unterstützung der Flüchtlinge gibt es auch bei der Liberalen Hochschulgruppe und den Jusos. Der RCDS ließ eine Anfrage bezüglich ihres Engagements unbeantwortet. Das Präsidium der Freien Universität begrüßt jede Initiative von studentischer Seite. Ob und inwieweit man die Studierenden dabei unterstützen werde, wollte man nicht sagen.

Die Universität selber, heißt es aus dem Präsidium, überprüfe derzeit Möglichkeiten, um den Flüchtlingen zu helfen. „Beispielsweise durch Freizeitangebote für Kinder oder Möglichkeiten der Sprachvermittlung“, so ein Pressesprecher.

Sieben Turnhallen nutzt das LaGeSo inzwischen als Notunterkünfte. Solange man keine festen Gebäude zur Unterbringung gefunden hat oder die fünf im Bau befindlichen Containerdörfer, unter anderem in Marzahn und Buch, nicht fertig werden, bleiben die Flüchtlinge dort.

Das ganze Interview mit Georg Classen vom Berliner Flüchtlingsrat findet ihr hier.

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