Höllenfahrt in den Götterhimmel | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

Höllenfahrt in den Götterhimmel

Mehr ist mehr, lautet offensichtlich die Maxime von Barrie Kosky. Der Intendant der Komischen Oper eröffnet seine dritte Spielzeit mit einer Inszenierung von „Die schöne Helena“, die keinen Konfettiregen auslässt. Von Carlotta Voß

drama2014129_0376Die Inszenierung erinnert an eine Kostümorgie. Foto: Iko Freese. 

An nackten Hintern fehlt es nicht. Schon in der ersten Szene strecken sechs Tänzer in knappen Lederhosen dem Publikum ihre nackten Pobacken entgegen und klatschen darauf rhythmisch im Gleichklang. Es ist der Auftakt zu drei Stunden karnevalesker Mischung aus Varietétheater und Travestieshow, 20er Jahre Party und Manga-Convention, poppiger Rokokointerpretation und Belle-Epoque-Satire: Barrie Koskys Inszenierung von „Die schöne Helena“ in der Komischen Oper Berlin gleicht einem Konfettiunfall. Glitzer, Schleifchen und Tüll gibt es gratis obendrauf.

Die schönste Frau der Welt

Jacques Offenbachs berühmte Operette um Ehebruch und Frivolität erzählt in drei Akten die Vorgeschichte des Trojanischen Krieges: Die Entführung der schönen Helena von Sparta durch den trojanischen Königssohn Paris. Als Geschworener bei dem legendären Schönheitswettbewerb der Göttinnen war ihm von Venus für den Preis die schönste Frau der Welt versprochen worden: Helena. Unglücklicherweise ist diese bereits mit dem Spartanerkönig Menelaus verheiratet, der sie sexuell nicht glücklich machen kann. Als Paris seinen Preis einzufordern kommt, ziert sie sich zunächst ein wenig, gibt sich ihm aber dann hin – überzeugt, alles sei nur ein Traum. Natürlich ertappt Menelaus die Ehebrecher auf frischer Tat, verbannt Paris von seinem Hof und begibt sich mit seiner treulosen Frau in das Seebad Nauplia. Aber Paris gibt nicht auf und entführt seine Geliebte im Gewand eines Hohepriesters. Gesellschaftskritiker Offenbach nutzte diese Kulisse griechischer Mythenwelt wie schon bei seinem größten Erfolg „Orpheus in der Unterwelt“ für eine bissige Satire auf die Doppelmoral und Dekadenz des Bürgertums im Second Empire.

Paris im Cowboykostüm

An Bissigkeit lässt es auch Koskys Inszenierung nicht vermissen: Helena (Nicole Chevalier) erscheint als bis zu Hysterie exaltierte, vulgäre Diva mit einem Faible für Anglizismen („Come on, Prince!“, „Whatever“), der schmächtige Paris (Tansel Akzeybek) versprüht als Cowboy mit Sonnenbrille schleimigen Latinolover-Charme, Seher Kalchas (Stefan Sevenich) ist eine Karikatur des verfettet-notgeilen Klerikers, es wird gebellt, gemäckert, gewiehert, gefurzt, gequietscht. Chor und Tänzer als griechisches Volk vollenden das Bild zu einer bonbonbunten Kostümorgie, in der es nicht genug Extravaganzen geben kann.

Es scheint, jeder hinter den Kulissen durfte mal ran: die Maske hatte offensichtlich ihren Spaß mit überzeichnetem Travestie-Make-up, Clownsgesichtern und abstrusen Haartoupets, Tanztrainer, ein Rollschuhcoach und sogar Pyrotechniker können sich austoben, wenn Kalchas Orakel in Gestalt eines Grammophons grelle Funken speit.

Helena und Edith Piaf

Musikalisch ist Offenbachs Operette sattsam angereichert mit Zitaten der Musikgeschichte: Beethovens altbekanntes Schicksalsmotiv kündigt regelmäßig parodistisch Katastrophen an, Helena singt nach ihrer Liebesnacht mit Paris inbrünstig Edith Piafs Schlager „Je ne regrette rien“ und ihr gehörnter Ehemann Menelaus stimmt – herzzerreißend im Rollstuhl – Jacques Brels Chanson „Ne me quitte pas“ an.

Dem Publikum bleibt auf dieser Höllenfahrt der Einfälle kaum Zeit zum Luftholen, zumal es immer wieder selbst Teil des Bühnengeschehens wird: Erst taucht eine kostümierte Musikgruppe in den Logenrängen auf, dann fliehen Helena und Paris auf den ersten Rang und winken inmitten der Zuschauer Menelaus einen hämischen Abschied zu.

Zweifellos ist die atemlose Inszenierung kurzweilig und die drei Stunden Spieldauer vergehen wie im Fluge. Aber das Füllhorn an Ideen, dass Kosky über sein Publikum ausschüttet, droht manchmal zu erschlagen und die Figuren wirken in ihrer schrillen Überzeichnung fast wie Comichelden. Ein wenig mehr leise Töne, ein wenig mehr Pausen, hätten dem Stück zweifellos nicht geschadet.

 

„Die schöne Helena“
Opéra bouffe von Jacques Offenbach, Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Komische Oper Berlin
Inszenierung: Barrie Kosky
Dauer: drei Stunden, ohne Pause
Termine:11.,31. Dezember; 2.,18.,23. Januar; 1. Februar; 10.,12. Juli

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Auf Facebook alles schöner?

Wie beeinflusst Facebook die Identitätsentwicklung Heranwachsender? FU Doktorandin Anna Metzler untersucht das Verhalten von Kindern und Jugendlichen im sozialen Netzwerk. Von Friederike Oertel  » weiterlesen