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Lena Dunham NICHT in Berlin

Am Dienstag wollte Lena Dunham ihr neues Buch „Not That Kind of Girl” in Berlin vorstellen. Doch es kam anders. Von Kirstin MacLeod

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Liest sich auch ohne Kaffee gut: Lena Dunhams erstes Buch.  Foto: Kirstin MacLeod

Wie beschreibt man jemanden, der bereits vor seinem 30. Geburtstag alles erreicht hat? Lena Dunham ist eine solche Person, ein “bright young thing”, ein Wunderkind. In ihrer Erfolgsserie „Girls“ sagt die von ihr geschaffene und gespielte Figur Hannah Horvath, eine Mittzwanzigerin in New York, dass sie glaubt, die Stimme ihrer Generation zu sein – und wenn nicht DIE, dann zumindest eine Stimme. Ohne Zweifel hat Lena Dunham diesen in der Serie „Girls“ mehrfach geäußerten Wunsch in der Realität längst erreicht. Am Dienstag sollte die großangekündigte und heiß erwartete Präsentation ihres ersten Romans „Not That Kind of Girl“ im Deutschen Theater stattfinden. Doch das Internet wollte es anders.

Shitstorm via Twitter

Ein Kolumnist des als konservativ geltenden US-amerikanischen „National Review“ schrieb am vergangenen Montag, Dunham beschreibe in ihrer neuen Autobiografie, wie sie ihre jüngere Schwester als Kind sexuell missbraucht hätte. Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich ein Shitstorm wie er im Buche steht. Dunham reagierte via Twitter, die Vorwürfe seien haltlos und eine absichtliche Fehlinterpretation ihres Buches. Kalkül oder nicht, Dunham sagte die Buchpräsentation, die im Deutschen Theater stattfinden sollte, ab – offiziell aus Krankheitsgründen.

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Lena Dunham im „rage spiral“ dank Shitstorm. Bild: Twitter

Die benannte Passage, um die es bei dem hauptsächlich auf Twitter ausgetragenen Streit geht, handelt davon, wie Dunham als Siebenjährige auf einer Autofahrt den Intimbereich ihrer jüngeren Schwester begutachtet, getrieben von nichts anderem, als kindlicher Kuriosität und Langeweile. Doch darum soll es an dieser Stelle nicht vordergründig gehen, da bei allen „angry Tweets“ die Geschichte dahinter vergessen wird.

Schonungslos ehrlich

In ihrer Autobiografie beschreibt Dunham, wie ihr erster Film „Tiny Furniture“ bereits während ihres Studiums Premiere feierte. Darauf folgte wenig später „Girls“ und damit auch die weltweite Aufmerksamkeit für „das Sex and the City der echten New Yorker Twens“. Mit der Veröffentlichung von „NTKOG“ hat Dunham das geschafft, wovon ihre Serienfigur Hannah immer träumt: Ein Buch zu schreiben, das zum Manifest der unkonventionellen, jungen Frau werden könnte. NTKOG ist genial, weil es die Lebenswelt der „Twentysomethings“ endlich so zeigt, wie sie ist – oder zumindest  erscheinen die von Dunham beschriebenen Hürden um einiges realer als die Schilderungen einer Carrie Bradshaw, deren größte Sorgen die Jagd nach Mr. Big und den neuen Manolos waren.

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schreibt Lena über schlechten Sex, Versagensängste und die alltäglichen Probleme eines, wie sie schreibt „privilegierten“, in der New Yorker Künstlerszene der 90er Jahre aufgewachsenen, egozentrischen Mädchens, für den ein Therapeut genauso zum Leben gehört, wie das „Catcalling“ auf der Straße. Der Ton und die Anekdoten in NTKOG sind amüsant und frech geschrieben und dabei so unterhaltsam, dass sich der Leser schon mal fragt, ob Dunham jetzt von Ereignissen oder sehr gut durchdachten Phantasien erzählt.

Dabei bleibt sie stets schonungslos ehrlich: Körperflüssigkeiten, Geschlechtskrankheiten, offensichtlich unerwiderte Gefühle, in die sich doch hinein gesteigert wird und immer wieder die Angst zu scheitern und nicht zu genügen – Lena schreckt vor nichts zurück. Im Englischen bezeichnet man diese absolute Offenheit als „overshare“ – Informationen, die man lieber nicht hätte hören wollen.

Ungewollte Provokation

NTKOG funktioniert aber genau nach diesem Muster und ist dabei keineswegs mit einem “Feuchtgebiete” einer Charlotte Roche zu vergleichen. Denn die Provokation, die man beim Lesen spürt, liegt im Ermessen des Lesers. Das ein oder andere Mal ertappt man sich bei innerlicher Zustimmung, hat das Gefühl, NTKOG spreche buchstäblich aus der eigenen Seele. Ob man sich nun peinlich berührt fühlt, wenn Lena erzählt, wie schlecht und teilweise verstörend ihre ersten sexuellen Erfahrungen waren, oder ob man sich denkt, endlich spricht es mal jemand aus, so ganz ungeschönt ohne Blümchen und Kerzen, das hängt ganz von einem selber ab.

In NTKOG kann sich der Leser nicht nur wiederfinden. Das Buch regt dazu an, in Zukunft vielleicht mal wieder ein bisschen ehrlicher zu sich selbst und seinem Umfeld zu sein. Am Ende bleibt außerdem die Erkenntnis, dass hohe Ansprüche, wie die einer Lena Dunham, auch mal zum Scheitern verurteilt sind. Und vielleicht ist das sogar gut so.

 

Not That Kind of Girl: A Young Woman Tells You What She´s “Learned”

Lena Dunham

Erhältlich für etwa 22 Euro

Ein Kommentar

  • oder: das langweilige gefasel eines new Yorker Rich Kids, das sich zwanghaft zur Stimme einer Generation stilisieren möchte.

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