Worte auf Spuren der Gewalt | FURIOS Online
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Worte auf Spuren der Gewalt

In einer Lesung präsentierten FU-Studenten eigene literarische Texte zum Thema Gewalt, die im Seminar des kolumbianischen Schriftstellers Héctor Abad entstanden sind. Friederike Oertel hörte zu.

Héctor Abad und seine Studenten bei der Lesung. Foto: Friederike Oertel

Héctor Abad und seine Studenten bei der Lesung. Foto: Friederike Oertel

Es ist voll in der kleinen Buchhandlung La Rayuela am Samstagabend. Nur mit Mühe gelingt es, die rund 20 Besucher der Lesung in dem kleinen Raum unterzubringen. Zu diesem Zweck rutschen die Zuhörer trotz hoher Temperaturen bereitwillig auf Stühlen, Sesseln, Lehnen und Hockern dicht zusammen.

Als eine der Studentinnen auf der Bühne beginnt ihren Text vorzulesen, wird es still im Raum. Als sie vorträgt, wie ein Mann im überfüllten Bus „seinen erregten Schwanz von hinten an ihr zu reiben begann“, verstummt selbst das letzte Rascheln und Stühlerücken im Publikum. Die Brasilianerin ist eine von sieben FU-Studenten aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas und Europas, die ihren eigenen Text vorträgt. Ausgehend von einer persönlichen Erfahrung handeln alle sieben Erzählungen von einer gewaltvollen Situation. Sie erzählen von sexuellen Übergriffen, Waffengewalt, Raubüberfällen und Extremsituationen. Aber auch vom Gefühl der eigenen Machtlosigkeit oder der Unmöglichkeit, das Geschehene in Worte zu fassen.

Gewalt hat viele Facetten

Entstanden sind die Texte im Rahmen des Seminars „Literatur und Gewalt“, das der kolumbianische Schriftsteller Héctor Abad im vergangenen Semester als Samuel-Fischer-Gastprofessor an der FU gegeben hat. Was die Studenten während des Semesters anhand ausgewählter literarischer Werke besprochen haben, wird nun mittels der eigenen Texte greifbar: Gewalt hat viele Facetten. Sie kann physisch oder psychisch sein. Laut oder leise. Aggressiv oder subtil. Welche Formen sie auch annimmt, sie ist in allen Schichten der Bevölkerung präsent. Sie tritt in allen Kulturkreisen in Erscheinung. Zurück bleibt bei den Betroffenen Unverständnis, Scham, Selbstwertverlust, Sprachlosigkeit und ein Gefühl von Isolation. Auch davon sprechen die Texte.

Im Raum herrscht gespannte Stille. Alle Augenpaare sind auf die Vortragenden gerichtet. Bilder von Wörtern hängen in der Luft. Die Erzählungen sind Berichterstattung, Fiktion und manchmal sogar Poesie. Doch vor allem sind sie eines: extrem intim. Und genau das macht sie so stark. Wenn die Lesenden für ihr Gefühl der Ohnmacht Worte finden und für die Worte wiederum eine Stimme, befreien sie sich aus der Isolation, finden Zugang zur Vergangenheit und nehmen der Gewalt ihre perfide Eigenart: Durch das Schweigen der Opfer ihre eigenen Spuren zu verwischen.

So bleibt als Essenz des Abends besonders die Aussage einer Studentin im Raum hängen: „Die Gewalt lebt im Schweigen der Opfer fort, aber heute habe ich dieses Schweigen gebrochen.“ Für ihren Mut werden die Redner vom Publikum nicht nur mit Aufmerksamkeit, sondern vor allem mit Anerkennung und Respekt belohnt.

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