„Jeder Mensch verdient einen Diss“ | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

„Jeder Mensch verdient einen Diss“

Am vergangenen Samstagabend ging es um „Ossis, Assis, Asylanten“. Mit Witz und Wortgewandtheit präsentierte das Ensemble „Allen Earnstyzz“ eine Show, bei der jeder sein Fett weg bekommt. Von Friederike Werner

Zu dritt überzeugend: Julian Heun, Tes Fu und Stefan Dörsing. Foto: Distel

Zu dritt überzeugend: Julian Heun, Temye Tesfu und Stefan Dörsing. Foto: Distel

Drei junge Männer und drei Mikrofone – mehr braucht es nicht, um zwei Stunden lang für Unterhaltung zu sorgen. „Allen Earnstyzz“ nennt sich das Spoken Word-Kollektiv von Stefan Dörsing und den Studenten Julian Heun und Temye „Tommy“ Tesfu, das das Publikum mit einer Mischung aus Poetry Slam und Kabarett in Atem hält. Ihr Programm ist wie eine Wundertüte, aus der die drei einen Leckerbissen nach dem anderen hervorzaubern. Von Slamtexten über Rap bis zu mit Beatbox unterlegtem Jodeln ist alles dabei, das Ensemble wechselt fließend zwischen Laut und Leise und schlägt dabei auch mal ernste Töne an.

Satire über alles und jeden

„Ossis, Assis, Asylanten“ – der Titel der Show lässt zunächst vermuten, worauf das Programm hinauslaufen wird. Doch Stefan, Temye und Julian bedienen sich nicht nur dieser klassischen Satire-Opfer. Zwar beginnt das Programm mit einem Slamtext, der Tommys traumatische Kindheit in Bayern beschreibt und sich dabei aller gängigen Klischees bedient. Doch schnell werden Berliner und Neu-Berliner sowie ihre Kieze als genauso satirewürdig entlarvt. Und eigentlich ist die ganze Menschheit eine Katastrophe. So kommen die drei Slammer zu dem Schluss: „Ob Bonner, Badenser, ob Bayer: Jed kümmerlichem Erdlingsding gebühret ein Diss  auf die Eier.“

Frei nach diesem Motto verläuft dann auch der Abend. Politiker werden parodiert, es geht um Orientierungslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit, Fußball, die Europawahl und Studenten, die Begriffe wie „heteronormativ“ als Beleidigung verwenden. Dabei mangelt es nicht an Selbstironie, denn schließlich ist „jeder sein eigener Freak“. Es wird gar die Kunst selbst hinterfragt, als Tommy das Gedicht „Kein Gedicht“ vorträgt, in dem Dinge rein aus dramaturgischen Gründen geschehen und dessen „versteckte Botschaft“ Germanistik-Studenten vergeblich suchen.

Der Poetry Slam lebt von der Nähe zum Publikum. Die Interaktion kommt auch bei „Allen Earnstyzz“ nicht zu kurz. Neben regelmäßigen Status-Updates zum Fußballspiel, das gleichzeitig im Olympia-Stadion stattfindet, gibt es auch ein kleines „AfD oder NPD“-Ratespiel, bei dem Whiskey verschenkt wird. Nach so viel Bashing will das Ensemble das Programm dann aber versöhnlich beenden. Nämlich mit einer „Hommage an die besten Menschen der Welt“: die Omas. So endet der Abend mit einem köstlichen Schlager und lang anhaltendem Applaus.

Zu dritt auf der Bühne

FU-Student Julian Heun ist schon seit vielen Jahren Poetry-Slammer. Auch Stefan und Temye sind Solokünstler. Zu dritt auf der Bühne zu stehen, sei ein komplett anderes Gefühl. „Es ist kompliziert und es ist wunderbar“, so Julian. Zusammen habe man mehr Selbstvertrauen, man müsse aber auch auf die anderen achten. In jedem Fall sei es aber sehr bereichernd: „Drei Poeten zusammen ergeben halt nie die Addition ihrer Einzelstile, sondern etwas ganz Eigenes. Das ist spannend.“

Die drei Künstler bestechen durch große Bühnenpräsenz. Jeder Einzeltext ist ein kleines Meisterwerk und jeder Slammer hat seine Eigenart: Stefan kann Beatboxen, Julian imitiert Dialekte und populäre Persönlichkeiten messerscharf, Tommy überzeugt mit köstlicher Mimik. Doch gerade wenn sie zu dritt slammen und fast musikalische Harmonien entstehen, entwickelt sich eine starke Dynamik, die das Publikum mitreißt.

weitere Termine von „Allen Earnstyzz“:

 „Spree vom Weizen – Relaunch“
22. Mai, 21 Uhr
Kantine am Berghain

Poesiefestival „Rhymes from the Edge of the Comfort Zone“
6. Juni, 20 Uhr
Akademie der Künste

 

Selbstgefangen – Selbstgehangen

Tagebuchnotizen und WG-Gespräche: Verzettelt sich die junge Literatur in ihrer Selbstbezogenheit? Christopher Gripp schaute auf der U30-Lesung in Neukölln vorbei und versuchte sich ein Bild zu machen.  » weiterlesen