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„Von der Alternativlosigkeit loskommen“

An 41 Universitäten weltweit beklagen angehende Wirtschaftswissenschaftler die Einseitigkeit der Lehre. Auch an der FU fordern Studierende eine pluralistische Ökonomik. Von Cecilia Fernandez

Illustration: Christopher Hirsch

Illustration: Christopher Hirsch

Sie studieren an 41 verschiedenen Universitäten, in 19 unterschiedlichen Ländern, doch eines haben sie gemeinsam: die tiefgreifende Unzufriedenheit mit ihrem Studium. Weltweit beklagen angehende Wirtschaftswissenschaftler die Verengung der Lehre auf die Theorie der Neoklassik sowie die Methoden der Statistik. Zur „International Student Initiative for Pluralism in Economics“ zusammengeschlossen, treten sie für eine multiperspektivische Wirtschaftswissenschaft ein.

Die neoklassische Theorie dominiert sowohl Wirtschaftswissenschaften als auch Wirtschaftspolitik seit Jahrzehnten. Sie beruht auf der Annahme, Wirtschaft sei zuvorderst ein System von ausbalancierten Märkten, auf denen sowohl Anbieter als auch Verbraucher ihre Interessen gewinnmaximierend durchzusetzen versuchen. Kritik an der Neoklassik ist weder selten noch neu. Doch im Nachklang der Weltwirtschaftskrise, deren unvorhergesehenes Entstehen und dramatische Auswirkungen die Protestierenden als Folge neoklassizistischer Wirtschaftsmaßnahmen verstehen, gewinnt die Frage nach innovativen Ansätzen an Brisanz.

Nicht ersetzen, sondern erweitern

An der FU ist der Arbeitskreis der Kritischen WirtschaftswissenschaftlerInnen“ bemüht, die Diskussion am hiesigen Institut zu beleben und die Forderungen der internationalen Initiative geltend zu machen. In diesem Semester bieten sie Interessenten die Gelegenheit, im Rahmen eines studentischen Seminars die Themen zu besprechen, die in anderen Seminaren und Vorlesungen zu kurz kommen. In einer überschaubaren aber anregenden Runde werden so grundlegende Konzepte wie das des rationalen homo oeconomicus hinterfragt. Nicht Zahlen und Statistiken stehen im Vordergrund, sondern Fragen und kritische Überlegungen.

Dabei gehe es nicht darum, die Neoklassik zu verdrängen, versichert Janina Urban, die Teil der Arbeitsgruppe ist: „Es ist einfach ein Problem, dass andere Ansätze in der Lehre keine Erwähnung finden.“ Die derzeit vorherrschende Theorie habe durchaus ihre Vorteile, aber eben auch Blindstellen. Gerade an diesen könnten auch andere Ansätze zum Zuge kommen – etwa feministische oder post-keynesianische. Die Wirtschaftswissenschaften hätten ihrer Ansicht nach das Potenzial, vielfältige Antworten auf die politischen Probleme der Gegenwart zu formulieren. Derzeit begnügten sich die Experten allerdings damit, nur einen Bruchteil dieses Potenzials auszuschöpfen. Das Ziel der Initiative sei also, sich eine breitere Auswahl an möglichen Werkzeugen zu erarbeiten: „Wir wollen einfach von der Alternativlosigkeit loskommen.“

Pluralismus auf dem Lehrplan und in der Forschung

Konkret setzen sich die „Kritischen WirtschaftswissenschaftlerInnen“ für Änderungen im Lehrplan ein. Sie wollen, dass innovativen Forschungsansätzen mehr finanzielle und personelle Mittel zugestanden werden. Dazu treten sie auch immer wieder an die Lehrenden heran und versuchen, sie von der Notwendigkeit eines Umdenkens zu überzeugen. Bei den Professoren kommen die Forderungen allerdings nicht immer an. „Wir stoßen oft auf geschlossene Türen“, beklagt Janina.

Ob sich an den Instituten in nächster Zeit Änderungen einstellen werden, ist ungewiss. Die „Kritischen WirtschaftswissenschaftlerInnen“ planen jedenfalls noch weitere Projekte. Auf Bundesebene werden sie dabei vom Netzwerk Plurale Ökonomik“ unterstützt. Deren aktuelles Projekt: ein Hochschulranking, das Universitäten nach der Pluralität ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Lehre auflistet.

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