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Vom Staatsfeind zum Behördenchef

Am vergangenen Montag war Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde zu Gast am OSI, um über westliche Medien und die DDR-Opposition zu sprechen. Eine Lebensgeschichte, nacherzählt von Hannah Zabel.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU). Foto: Marco Kneise

Roland Jahn, Bundesbeauftragter der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU). Foto: Marco Kneise

Wenn Roland Jahn über die Aktenmengen der Stasi-Unterlagenbehörde spricht, dann rechnet er in Kilometern: „Insgesamt sind es 111 Kilometer an Akten, davon waren 50 Kilometer vollkommen unsortiert und mussten erst erfasst werden. Hinzu kommen 15.000 Säcke mit Aktenschnipseln“, erklärt der ehemalige DDR-Bürgerrechtler, über den ebenfalls eine Stasi-Akte existiert und stellt fest: „Eine Menge Holz“. Im Rahmen der Ringvorlesung „Zeitenwende. Medien und Politik zwischen Mauerfall und Einheit 1989/1990“ hatte ihn der OSI-Club eingeladen, über die Netzwerke zwischen westlichen Medien und der DDR-Opposition zu sprechen.

Dabei sieht es am Anfang gar nicht danach aus, als würde Jahn einen ungewöhnlichen Weg einschlagen: Nach dem Abitur 1972 absolviert er zunächst den Wehrdienst und beginnt Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Doch die Ausweisung des Liedermachers Rolf Biermann 1976 wühlt ihn auf und er beteiligt sich an den aufkommenden Protesten. Ein Jahr später wird Jahn deswegen exmatrikuliert. Als sein enger Freund Matthias Domaschk, ebenfalls ein Bürgerrechtler, 1981 in der Stasi-Untersuchungshaft stirbt, tut er alles, um den Tod öffentlich zu machen. Er schaltet eine Traueranzeige in der Zeitung, kauft sich diese unzählige Male und klebt die ausgeschnittenen Anzeigen an Bäume und Häuser. Später wird er wegen seiner offen bekundeten Solidarität mit dem polnischen Volk zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt. Aber nach nur sechs Monaten lässt die Stasi ihn wegen des massiven öffentlichen Drucks in der BRD frei. Doch Jahns Engagement geht weiter. 1983 wird er schließlich zwangsausgebürgert: Stasi-Mitarbeiter lauern ihm auf, entführen ihn und sperren ihn in ein Abteil des Interzonenzugs.

„Wir gaben den Menschen im Osten eine Stimme“

Auch nach seiner Ausbürgerung hält Jahn engen Kontakt zu Oppositionellen in der DDR. In Westberlin arbeitet er als Journalist für die „Taz“, die auf ihrer„Ostberlin“-Seite Texte von DDR-Bürgern veröffentlicht. „Wir gaben den Menschen im Osten eine Stimme“, sagt Jahn heute. Im Jahr 1987 gründet er den Radiosender „Glasnost“: „Handwerklich war das schlecht, aber die Inhalte waren heiß“. So heiß, dass die DDR-Staatsführung zwei Sendungen mit Störsendern torpediert.

Erst im Westen fällt ihm auf, wie wenig er über die DDR wusste, als er dort lebte: „Wir waren dort alle beschränkt. Nicht nur im Handeln, sondern auch im Denken“, gibt Jahn zu. Dennoch schmerzt ihn der Verlust der Heimat: „Dort, wo Eltern und Freunde sind, ist es egal, wie die Zustände sind.“

In der DDR geht die heimliche Berichterstattung währenddessen weiter: Am 9. Oktober 1989 filmen die beiden DDR-Bürger Siegbert Schefke und Aram Radomski unter Lebensgefahr die Montagsdemonstration in Leipzig und übergeben das Band einem Reporter des „Spiegel“. Dieser schmuggelt ihre Aufnahmen nach Westberlin, wo Jahn, der damals beim SFB arbeitet, daraus einen kurzen Fernsehbeitrag macht. Am nächsten Tag berichten die „Tagesschau“ und „Kontraste“ über die Proteste.

Jahn ist die Ehrfurcht vor den Demonstrationen auch heute noch anzumerken: „70.000 Menschen riefen ‚Wir sind das Volk!‘ und ‚Niemand hat geschossen!’“ Einen Monat später fällt die Mauer. „Die Stasi hat ziemlich viel Aufwand betrieben“, sagt er rückblickend, „aber das hat ihr am Ende auch nichts genützt.“

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