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Vom Schreiben und Schweigen

Schriftstellerleben in der DDR, feine Ironie, das literarische und historische Berlin – vergangenen Mittwoch hielt Hans Joachim Schädlich seine Antrittsvorlesung als Heiner Müller-Gastprofessor. Von Angelina Eimannsberger

Hanns-Joachim Schädlich hielt seine Antrittsvorlesung. Quelle: FU Berlin

Hans Joachim Schädlich hielt seine Antrittsvorlesung. Foto: FU Berlin

Praktische Erfahrungen sind im Seminarraum selten, gerade in den verkopften Geisteswissenschaften. Die Heiner-Müller Gastprofessur für deutschsprachige Poetik sorgt für eine große Ausnahme: Sie lädt Schriftsteller, die sich beim Berliner Literaturpreis als Sieger durchgesetzt haben, für ein Sommersemester an das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ein.

Am vergangenen Mittwoch hielt der diesjährige Gastprofessor, der renommierte deutsche Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, seine Antrittsvorlesung. Und vollzog den Wechsel vom Schriftsteller – Objekt der Analyse – zum vortragenden Subjekt gewinnbringend.

Literatur in der „nicht-öffentlichen Öffentlichkeit“

1935 geboren, beschäftigte sich Schädlich zunächst wissenschaftlich mit Sprache, an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Ost-Berlin, bevor er zum Schriftsteller wurde. Bekannt wurde er vor allem mit seinen zahlreichen Erzählungen. Seine erste Prosaveröffentlichung, „Versuchte Nähe” aus dem Jahre 1977 fasst jene Geschichten zusammen, die er in der DDR nur in der “nicht-öffentlichen Öffentlichkeit”, wie er selbst sagt, von Schriftstellertreffen vorstellen konnte. 1977 verließ er die DDR und schrieb fortan in Westdeutschland. 2015 wird seine Werkausgabe im Rowohlt Verlag erscheinen, welche auch die Erzählung “Catt” rund um das Leben einer Berliner Taxifahrerin enthalten soll. Teile dieses Textes aus den 1970er Jahren las Schädlich in seiner Antrittsvorlesung erstmalig vor.

Weit mehr als die Hälfte der anwesenden Gäste waren im Alter des Gastprofessors. Gesenkt wurde der Altersdurchschnitt von einigen wenigen Studierenden und den Mitarbeiterinnen des Peter Szondi-Instituts. Die lokale Anbindung an ein Berlin vergangener Tage, die Schädlich erst in seiner autobiographischen Skizze und später in „Catt“ präsentiert, stieß sichtlich auf Vorkenntnis und Vergnügen bei den Zuhörern und Zuhörerinnen. Schädlich berichtete ausführlich, in feiner, ironischer Rückschau über die Zensur von Literatur in der DDR. Er verharmlost nichts, aber das glückliche Ende – die Möglichkeit zur Veröffentlichung  seines Prosawerkes – ist Schädlich deutlich anzumerken.

Schriftstellerische Zeitreisen

Das Alter von Autor und Themen dieser Antrittsvorlesung mag zweifeln lassen, wie sehr sich Studierende, die sich heute in Berlin und der aktuellen Welt zurecht finden wollen und müssen, für diesen Gastprofessor erwärmen können. Doch schon sein genauer Blick auf die deutsche Sprache und auf innere Vorgänge im Menschen genügen, um seine Lehrveranstaltungen lohnenswert zu machen. Darüber hinaus lässt gerade seine offenkundige, starke Verbundenheit mit einer anderen Zeit Schädlich zu einem wertvollen Verbindungspunkt werden – zwischen jungen Berliner Literaturstudierenden heute, der Vergangenheit ihrer Stadt einerseits und der Entwicklung ihres Studiengegenstandes andererseits. Am Ende des Vortrags gibt es nur eine einzige Frage, nach einem wiedererkannten Ort in der vorgetragenen Erzählung. Das Publikum verlässt den Saal, den Kopf gefüllt mit reichen Bildern und schöner Sprache, und mit einem entweder neuen oder wiedererweckten Zugang zu einer vergangenen Zeit Berlins.

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