Schöne Aussichten vom Mathe-Berg | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

Schöne Aussichten vom Mathe-Berg

Im Technikmuseum Berlin erzählte Einsteinprofessorin Hélène Esnault vergangenen Donnerstag von Wellen und deutsch-französischer Geschichte. Teresa Velten versuchte 1+1=0 zu verstehen.

Hélène Esnault im Technikmuseum. Foto: Moritz Vennemann

Hélène Esnault im Technikmuseum. Foto: Moritz Vennemann

Hélène Esnault möchte keine Bilder von hässlichen, alten Männern zeigen: Sie entschuldigt sich jedes Mal, wenn sie keine schönen Jugendbilder ihrer Protagonisten gefunden hat. In ihrem Vortrag „Wie rational ist 1+1=0, Herr Weil“, am vergangenen Donnerstag im Technikmuseum Berlin geht es um Wellen und deutsch-französische Geschichte.

Esnault ist seit Herbst 2012 Einstein-Professorin für Algebra und Zahlentheorie am Fachbereich für Mathematik und Informatik an der FU. Sie findet: „Wir leben im Nebel. Die Mathematik ist das Licht, sie bringt uns voran.“ Gerne würde ich auch den Nebel verlassen und einen Strahl dieses Lichtes abbekommen. Für Esnault ist es pure Schönheit, wenn eine Gleichung aufgeht. Für mich ist es schwer nachvollziehbar.

Kann man Interesse an Mathe anerziehen?

Auch Gregor Bruns, 26, kann die Schönheit sehen. Er promoviert an der HU in Mathematik. Bevor es losgeht, versucht er mir noch schnell, wenigstens einen kleinen Einstieg in die Materie zu geben. Während ich mein mathematisches Schulwissen mit dem in Einklang bringe, was Gregor mir erklärt, fängt Hélène Esnault an zu erzählen. Es geht los mit Carl Friedrich Gauß. Den kennt man aus „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Dann ist die Rede von Bernhard Riemann und seinen Vermutungen zu der ominös klingenden Zetafunktion. Es ist als würde ich schielen: Ich kann mir die Funktion nicht anschauen, mein Blick gleitet immer wieder daran vorbei, zum Beispiel zu den roten Einstein-Bannern neben der Bühne. Meine Gedanken schweifen ab. Ist Interesse an mathematischen Problemen angeboren oder sozial konstruiert? Könnte ich die Riemannschen Vermutungen besser nachvollziehen, wenn meine Eltern mich früher darin bestärkt hätten meine Mathehausaufgaben zu machen?

Esnault ist bei André Weil angekommen, der scheinbar ein ziemlich aufregendes Leben im annektierten Frankreich hatte. Er löste nicht nur mathematische Probleme, sondern sprach am Ende seines Lebens auch noch zwölf verschiedene Sprachen. Den wichtigsten Teil seiner Arbeit schrieb er in einem Militärgefängnis im französischen Rouen. Als ich Gregor am Ende des Vortrags frage, wie es ihm gefallen hat, meint er nur: „Ich finde es ein bisschen nervig, wenn so viele historischen Fakten genannt werden, so als wären die Mathematiker die wichtigsten Menschen der Welt.“ Wie niederschmetternd für mich: Den Teil, den ich nachvollziehen konnte, findet der Mathematiker unwichtig.

Wie rational ist 1+1=0?

Am Ende des Vortrags habe ich dennoch nicht das Gefühl, dass der Abend sinnlos war. Zumindest den „Scherz“ aus dem Titel meine ich verstanden zu haben. Eins und eins ergibt Null, wenn man die Gleichung so liest, wie man eine Uhr lesen würde, die nur die Uhrzeiten eins, zwei und null anzeigt. Wenn man darauf ein Uhr liest und eine Stunde dazurechnet, ist man bei null Uhr. Und ich weiß jetzt, dass man an ein mathematisches Problem herangehen kann, wie an eine Gedichtanalyse. Oder auch andersherum. Es zeigt sich: Die Welt der Mathematik scheint gar nicht so viel verschrobener zu sein, als die der Geisteswissenschaften. Die Inhalte sind eben ein bisschen anders.

Am Ende wendet sich Hélène Esnault noch einmal ganz direkt an die Studenten im Publikum: „Die Mathematik ist die Kunst der Abstraktion.“ Es handele sich dabei um eine trockene Kunst und der Weg zur Erkenntnis sei zwar steil, aber er lohne sich: „Von oben ist die Aussicht wunderschön.“ Mit Theorien der Literatur-, Kultur- oder Politikwissenschaften geht es mir oft ganz ähnlich.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Vom Schreiben und Schweigen

Schriftstellerleben in der DDR, feine Ironie, das literarische und historische Berlin – vergangenen Mittwoch hielt Hans Joachim Schädlich seine Antrittsvorlesung als Heiner Müller-Gastprofessor. Von Angelina Eimannsberger  » weiterlesen