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Kulturreif: „FRONTex SECURITY“ im HAU

Das Hebbel am Ufer versucht sich an einer Analyse der europäischen Asylpolitik. Eine hochaktuelle Thematik, die das Theaterstück trotzdem nicht davor rettet, den Abend zäh wirken zu lassen. Von Maik Siegel


Vier Kulturgrößen: Bob Marley, Johann Wolfgang von Goethe, Woody Allen und William Shakespeare. Illustration: Luise Schricker

Vier Kulturgrößen: Bob Marley, Johann Wolfgang von Goethe, Woody Allen und William Shakespeare. Illustration: Luise Schricker

In unserer Serie „Kulturreif“ besprechen wir das Neueste aus Literatur, Film, Theater und Musik. Teil 3: Hans-Werner Kroesingers „FRONTex SECURITY“.

Europa ist eine Festung. Unser Schützengraben ist das Mittelmeer und die Wachposten stellt Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen von EU-Mitgliedstaaten. Jahr für Jahr branden Flüchtlingsströme an die Mauern, nur zwei Prozent der Asylbewerber schaffen es hinein. Verantwortlich dafür ist Frontex. Im Auftrag der EU sichert die Agentur die Grenzen, auf dass Flüchtlinge – von Frontex als „illegale Immigranten“ bezeichnet – Europa nie betreten.

Hans-Werner Kroesinger zeigt mit „FRONTex SECURITY“, dass Theater noch immer politisch aktuell sein kann. In Zeiten gesättigter Wohlstandsbespaßungen (wie viele Stücke zur Finanzkrise gab es eigentlich?) bietet sich dem Zuschauer hier ein unbequemes, ein forderndes Stück. Spätestens seit vermehrten Unglücken vor Lampedusa weiß jeder, dass sich die europäischen Staaten vor der Realität der Migration nicht mehr verschließen können.

Ein technokratischer Mahlstrom

Vier Schauspieler zitieren EU-Depeschen, Frontex-Stellungnahmen und stellen Interviews mit Protagonisten nach, wie dem Frontex-Chef Ilkka Laitinen oder dem ehemaligen Innenminister Otto Schily. Auffällig ist, dass die Stimmen der Flüchtlinge in diesem Polit-Potpourri fehlen. In einem nicht enden wollenden Mahlstrom prasselt auf die Zuschauer technokratische Sprache ein, die in den zahllosen Kürzeln der Flüchtlingspolitik wie ACT, EAA oder FJST ihren absurden Höhepunkt erfährt.

Dazu bestrahlt ein kaltes blaues Licht weiße Pappwände und Bürosessel, zwischen den Szenen erklingt die typisch treibende Musik der Nachrichtenshows. Dem Ganzen unterliegt eine feine Ironie. Die nachgestellten Gespräche wirken in ihren Originalzitaten grotesk und offenbaren die Absurdität eines Grenzschutzes, dem alles Menschliche abgeht.

Doch nicht nur Flüchtlinge verzweifeln an dieser Sprache, auch den Zuschauern ergeht es so: Zwei Stunden verklausulierte Monologe lassen den Abend zäh werden. Dass diese Politik zum Himmel schreit, dass Abschottung heute keine Lösung mehr ist, das hat man nach der Hälfte des Stücks verstanden. Der unendliche Strom an Fakten, Stimmen und Fachtermini ermüdet. Theater muss nicht immer nur unterhalten, ein Politikseminar soll es aber ebenso wenig sein.

Blut, Schuld und Opfer

Kroesinger versucht deshalb mit einigen aufmerksamkeitsheischenden Ideen der eintönigen Frontalbeschallung entgegenzuwirken. Eine Opernsängerin taucht immer wieder auf und singt von Schuld, Blut und Opfern. Mitten im Stück fordern die Schauspieler das Publikum auf, ihnen zu einer neuen Bühne zu folgen, anschließend sitzt man in einer kleinen Arena. Die Wirkung solcher Kniffe verpufft jedoch schnell, denn zu wahllos ertönen die Arien, und auch auf der neuen Bühne wird weiter monologisiert.

Nur ab und an wecken Bilder im Zuschauer Emotionen. Eine hübsche Idee ist es, wenn eine EU-Flagge auf und ab wallt und Bootsminiaturen verloren darauf hüpfen. Eindringlich ist die detaillierte Beschreibung eines Ertrinkenden – ein Schicksal, das nicht wenige Flüchtlinge vor den Ufern Europas ereilt.

Am Ende ist man der Sache dennoch fast überdrüssig. Der Nachhall bleibt trotzdem stark: „Frontex ist eine europäische Idee.“ Aber eine schlechte.

 

FRONTex SECURITY                                                                                                                 Konzeption und Regie: Hans-Werner Kroesinger                                                                            Dauer: Zwei Stunden, keine Pause                                                                                                     Hebbel am Ufer, Premiere am 13.12.2013

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