Hatz auf den Hetzer | FURIOS Online
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Hatz auf den Hetzer

Lion Edler vertritt in seinen Artikeln für rechte Medien unterirdische Positionen. Doch das ist kein Grund, ihn per Flugblatt zu denunzieren, findet Karl Kelschebach.

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Lion Edler sagt, er fühle sich geschmeichelt. „Wie heißt es so schön: Die schlechtesten Früchte sind es nicht, an denen die Wespen nagen“, antwortet er kokett auf die Frage, was er von dem Flugblatt halte, das seine Kommilitonen vor ihm warnen soll. Poesiealbum-Weisheiten in Ehren – die Früchte Edlers journalistischer Betätigung weisen hässliche braune Stellen auf.

In seinen Artikeln für „eigentümlich frei“ beklagt Edler angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit für die Frauen-Fußball-WM „Männerfeindlichkeit und Weiblichkeitssucht“, bescheinigt den Deutschen eine „Entfremdung vom Überlebenskampf“ durch „widernatürliche Massen-Alimentierung“ (gemeint ist Hartz IV) und charakterisiert die allgemeine „Vertuntung“ als Symptom einer „Gesellschaft der Waschlappen, die duckmäuserisch und mimosenhaft auf ihre Feinde reagiert“. Man kann Edlers Artikeln mit Kritik begegnen, mit Empörung und, wenn es einem Vergnügen bereitet, auch mit Antifa-Parolen. Man kann sie in Foren diskutieren, in Leserbriefen zerreißen und ihnen beliebige -ismen zuweisen – ein politischer Diskurs ohne Polemik ist wie Schnaps ohne Alkohol.

Paranoide Linke

Doch dieses Flugblatt repräsentiert keinen politischen Diskurs, sondern Denunziantentum. Es setzt sich nicht mit konkreten Positionen auseinander, sondern stellt einen Einzelnen an den Pranger – und zwar nicht nur für seine politische Haltung, sondern auch für seine Kontakte zu linken Kommilitonen. Warum sollte er die nicht haben? Am Otto-Suhr-Institut wimmelt es von Linken – sofern man sich nicht sozial verbarrikadiert, kommt man gar nicht umhin, sich mit ihnen zu unterhalten.

Die Unterstellung, Edler wolle sich auf diese Weise über linke Strukturen schlau machen, ist paranoid. Weshalb sollte er einen solchen Aufwand für Informationen betreiben, die ohnehin jedermann zugänglich sind? Wer sich über die FSI OSI unterrichten will, braucht nur deren Homepage zu besuchen oder einmal im Roten Café vorbeizuschauen. Daher versteht Edler auch die ganze Aufregung um seine Motive zur Teilnahme an einer FSI-Sitzung nicht: „Wenn da etwas unklar war, warum fragen die mich nicht einfach?“, fragt er – und man kommt nicht umhin, ihm recht zu geben.

Anonyme Doppelmoral

Die Verfasser des Flugblatts meinen, linke Studierende vor Edler warnen zu müssen. Warum aber veröffentlichen sie dann seine Kontaktdaten? Die Begründung, die sie dazu auf Anfrage lieferten, ist keine: Über drei Absätze erläutern sie, dass Edler ein schlimmer Finger ist – ohne auch nur einen einzigen Satz darüber zu verlieren, welches öffentliche Interesse an seiner E-Mail-Adresse und seiner Handynummer besteht.

Mit ihren eigenen Daten sind die Verfasser des Flugblatts dabei deutlich geiziger als mit denen Edlers: Weder verraten sie, wie sie Edlers Kontaktdaten ergattert haben, noch, wie sie heißen. Dabei würde man sie schon gern persönlich fragen, weshalb bei ihnen nicht alle Alarmglocken geschrillt haben, als das erste Hetzblatt durch ihren Drucker ging. Sie behaupten, sie wollten die „Hoffnung auf eine bessere Welt“ verteidigen – doch was für eine Welt soll das werden? Eine, in der man politische Irrlichter mit Methoden ausschaltet, die sich nur mit größter Zurückhaltung ohne Nazi-Vergleiche beschreiben lassen?

Manche FU-Studierende scheinen der Ansicht zu sein, ihre „aufklärerische“ Mission entbinde sie davon, zu ihren Ergüssen zu stehen. Das zeugt ebenso von Doppelmoral wie ihre Verurteilung reaktionärer „Hetzkampagnen“ – auf einem Hetzblatt gegen einen Kommilitonen. Sie haben ja recht mit ihrem Statement: „Rassismus, Nationalismus und Sexismus sind und bleiben scheiße!“ Doch wen kümmert das noch bei so ekelhafter Feigheit?

5 Kommentare

  • [gelöscht]
    Edler exponiert sich im Meinungskampf, stellt sich kritischen Fragen aber ihm fehlt halt das richtige Bewusstsein, er kann folgerichtig nur „unterirdische Positionen“ vertreten. Und überhaupt: Es gibt nur zwei Dinge, die noch schlimmer sind, als in rechten Medien zu schreiben: an Gott glauben und nicht an den Klimawandel glauben. Die Pioniere der befreiten Gesellschaft hingegen besitzen das richtige Bewusstsein ohne Zweifel. Das Flugblatt ist da trotz der pflichtschuldigen Empörung über die „ekelhafte Feigheit“ ein lässlicher Formfehler. In der Sache haben Sie schließlich recht. Und auch der im Spiegel-Jargon versierten Autor hat in Edlers Werk ja eindeutig „hässliche braune Stellen“ ermittelt. Im Klartext: Edler ist als Nahtsie überführt und zum Abschuss freigegeben.
    Für mich weist die aufklärerische Betätiung der linken Aushilfsschnüffelanten alle Züge von Charakterlumperei auf, wie sie für deren geistige Ahnen im Tausendjährigen und im Arbeiter- und Bauernparadies einschlägig dokumentiert ist.
    Da besteht keine Hoffnung auf Besserung. [gelöscht]

    Anm. d. Red.: In den Kommentaren bitte sachlich bleiben.

  • Liebe Furiose,
    ist die Anm. d. Kom. gestattet, dass die gelöschten Stellen nahelegen, dass Polemik nicht als solche unerwünscht ist, sondern sehr selektiv dort, wo sie namentlich euch trifft, in diesem Fall den ambitionierten, aber etwas zaghaften Karl Kelschebach?

    Anm.d.Red.: Persönliche, unsachliche Angriffe auf den Autor werden gekürzt.

  • Dankeschön. So muss das. Sehr guter Kommentar.

  • Ich weiß, inflationäre Nazivergleiche sind beliebt. Sie führen aber vor allem dazu, dass das, was den Nationalsozialismus
    zu einem Bruch mit jeder Zivilisation und Menschlichkeit gemacht hat, verwischt wird.
    Mit dem Satz „Eine, in der man politische Irrlichter mit Methoden ausschaltet, die sich nur mit größter Zurückhaltung ohne Nazi-Vergleiche beschreiben lassen?“
    zeigst du, dass du scheinbar nicht mal ansatzweise verstanden hast, was der Nationalsozialismus war. Wie du eine Verbindung zwischen dem Flugblatt und dem systematisch organisierten Terror der Nazis (z.B.Konzentrations- und Vernichtungslager oder die Gestapo) herstellen kannst, ist mir absolut unbegreiflich.

  • Diese Kontaktdaten zu veröffentlichen, mag unnötig sein. Aber dass das Schreiben anonym veröffentlicht wurde, ist angesichts der häufigen gewalttätigen Übergriffe aus der rechten Szene gegen antifaschistisch Aktive doch wohl verständlich. Wer da mit publizistischer Ethik argumentiert, verkennt das braune Problem.

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