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Das Buch, über das alle reden

Lesefrust statt Leselust wird stets beklagt.  Damit es wieder ein Buch gibt, über das man mit allen reden kann, musste erst Hitler von den Toten zurückkehren. Maik Siegel hat „Er ist wieder da“ gelesen.

Timur Vermes: „Er ist wieder da“. Foto: promo

Die Deutschen seien noch immer völlig besessen von Hitler, sagte Dietrich Schwanitz einmal sinngemäß. Diese Aussage allein erklärt, warum der Debütroman des Journalisten Timur Vermes seit einem Jahr in den Bestsellerlisten steht. Denn die Geschichte um Adolf Hitler, der im Sommer 2011 in Berlin erwacht, trägt sich lediglich durch die makabren Scherze seines Protagonisten. Der Inhalt dagegen ist eher kurz und dürftig.

Hitler erwacht auf einem unbebauten Feld mitten in Berlin und bemerkt nach und nach, dass er in unserer Gegenwart gelandet ist. Schnell gerät er an Medienleute, die in ihm einen hervorragenden Hitler-Imitatoren zu erkennen glauben und stolpert ins Showbusiness. Eine Medien-Agentur wittert die große Sensation und stattet Hitler mit einem eigenen Büro samt Homepage und Assistentin aus. Nach Auftritten in einer Comedy-Sendung erhält er seine eigene Show. Die Medien stürzen sich auf ihn, Politiker möchten ihn in ihrer Partei unterbringen. Ganz Deutschland versinkt in einer Hitler-Manie und legt sich ihm zu Füßen.

Eine zynische Fernsehwelt, einfältige Assistentinnen und aufmerksamkeitsheischende Politiker: Seine Schwachstellen hat der Roman ganz offensichtlich in der durchsichtigen Handlung und den platten Figuren. Man merkt dem Autor an, dass er seine Einblicke in die Medienwelt für eine Satire dergleichen benutzen möchte. Er scheitert aber an seinen mangelnden Fähigkeiten als Romancier: Eine Geschichte trägt sich nicht allein über Plattitüden und reißerische „was-würde-Hitler-tun“- Episoden. Die Sprache ist simpel, das Geschehen voraussehbar. Ein Reinfall also?

Hitler entlarvt Deutschland

Nein, dieser Roman hat auch seine Stärken. Die Figur des Adolf Hitler ist grandios gelungen: Sein Zynismus, seine Brutalität und seine Fähigkeit, sich eine ganz eigene Weltsicht zurechtzulegen, werden hier gekonnt aufgenommen. Der Leser sieht das heutige Deutschland durch Hitlers Augen und kann einen zweiten Blick auf bekannte Dinge werfen. Die Bild-Zeitung findet Hitler fast wirkungsvoller als den alten „Völkischen Beobachter“, im Internet erkennt er eine ideale Propagandamaschine.

Es gelingt Vermes, dass man die Figur Adolf Hitler allmählich sympathisch findet. Man stimmt ihm in seinen Beobachtungen unserer Gegenwart seufzend zu. Auch ein Schmunzeln lässt sich schwer verkneifen, wenn er seiner bleichen Assistentin die fröhliche und lebensbejahende Bewegung des Nationalsozialismus empfiehlt. Und wenn Hitler den NPD-Vorsitzenden vor laufender Kamera für seine jämmerliche Arbeit zusammenstaucht, empfindet man Genugtuung. Bereitwillig folgt der Leser dieser einnehmenden Figur Hitlers, bis dieser ganz unvermittelt von der Manipulation der Massen spricht oder das Verhalten eines ungeliebten Gegenspielers als „typisch jüdisch“ bezeichnet. Dann versteht man, dass man dem scharfzüngigen Charme Hitlers, den der Autor meisterlich abzubilden weiß, auf den Leim gegangen ist.

Eine literarisch gehaltvolle Erzählung ist Timur Vermes mit „Er ist wieder da“ nicht gelungen. Wer sich aber gern vor sich selbst und dem heutigen Deutschland gruselt, dem sei dieser Roman ans Herz gelegt.

„Er ist wieder da“

Autor: Timur Vermes

Verlag: Eichborn

Preis: 19,33 €

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