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Das Buch zum Schreiben

Ferienzeit ist Hausarbeitenzeit. Bis Literatur und Tastatur gar zu vorwurfsvoll rufen, bleibt aber noch genug Zeit, sich einer Reportagen-Sammlung hinzugeben. Von Veronika Völlinger

Alexander Osangs "In nächstem Leben". Foto: promo

Alexander Osangs „In nächstem Leben“. Foto: promo

Das Ende der Vorlesungszeit und dann auch das Ende der Klausurenzeit sind wahre Befreiungsschläge. Vor dem vormals fleißigen Studierenden liegen fast drei Monate Spaß, Entspannung und Sommersonne. Doch die Realität wird ihn rasch wieder einholen: Es müssen schließlich noch Hausarbeiten geschrieben werden. Ferien, also richtig frei zu haben, ist eine Illusion.

Also geht es los mit guten Vorsätzen. Erst ein bisschen entspannen und Sonne tanken, dann frühzeitig anfangen, um nicht in Stress zu geraten. Dann, nach den ersten ambitionierten Tagen oder auch nur Stunden am Schreibtisch, folgt das Tief. Zerstreuung muss her! Irgendetwas Kurzweiliges, das den Kopf ein bisschen ablenkt – aber bitte nicht zu viel.

Her mit einem Buch, das kurze unterhaltsame und abgeschlossene Geschichten bietet. „Im nächsten Leben“ von Alexander Osang ist so ein Buch: eine Sammlung absurder, bewegender und komischer Reportagen und Porträts. Der 1962 geborene „Spiegel“-Journalist Osang hat den renommierten Henri-Nannen-Preis in der Reportage-Kategorie gleich mehrfach abgeräumt; weitere literarische und journalistische Auszeichnungen zieren ebenfalls seine Vita.

Seine Geschichten sind Balsam für die Seele eines mit wissenschaftlichen Abhandlungen geplagten Studierenden. Mal handeln sie von bekannten Gesichtern wie Angela Merkel oder Günther Jauch. Mal von Unbekannten wie einer deutschen Pornodarstellerin in Los Angeles oder deutschen Aussteigern, die den Tsunami 2004 im Indischen Ozean erlebten.

Klarheit statt Schnörkel

Immer gleich ist ihnen eine Sprache zum Verlieben. Osang braucht keinen theatralischen szenischen Einstieg, keine Aneinanderreihung  elliptischer Sätze, überbordenden Detail-Beschreibungen oder gar Satzfetzen – Stilmittel, die in Reportagen viel zu häufig Anwendung finden.

Bei ihm findet sich eine schnörkellose Sprache, die es schafft alles zu sagen und kein Wort zu  verschwenden. Trotz seines fast analytisch beschreibenden Stils entstehen beim Lesen sofort Bilder im Kopf; ein kleiner Film läuft mit und begleitet die Worte. Und Bilder wie Worte sind hochspannend, wie ein packender Krimi: Wie kam Angela Merkel zur Politik? Was hat Günther Jauch mit der Potsdamer Stadtpolitik zu tun? Wie lebt es sich als deutsche Studentin in der amerikanischen Pornobranche? Wie lebt man weiter, wenn ein Tsunami den Traum vom Auswandern überrollt hat?

Osangs Reportagen-Sammlung ist ein Buch zum Schreiben, weil es die Schönheit der schlichten Sprache perfektioniert hat. Alles ist da, wo es hingehört; nichts ist zu viel. Bei einer Hausarbeit geht es viel zu oft darum, die Wörteranzahl künstlich nach oben zu treiben und mit vermeintlich akademischem Geplänkel aufzuwarten.

Wer sich das Prokrastinieren mit Osangs „Im nächsten Leben“ versüßt, bekommt dann hoffentlich Bauchschmerzen, wenn beim Weiterschreiben in der Hausarbeit plötzlich etwas auf dem Bildschirm steht wie: „Aufgrund des nur begrenzten Seitenumfangs dieser Arbeit ist eine Eingrenzung des zu betrachtenden und zu untersuchenden Zeitraums dringend geboten.“ Lang,  voller Floskeln und mit eindeutig zu vielen Partizipien. Igitt. Schnell wieder zurück in die Welt der Geschichten von Alexander Osang.

Im nächsten Leben. Reportagen und Porträts
Autor: Alexander Osang
Ver­lag: Fischer
Preis: 9,99 Euro

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