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Junge Literatur über kleine Dinge

Fünf junge Autoren und ein Publikum: Am Samstag fand die mittlerweile zweite Lesung der Reihe U30 statt, die Autoren unter Dreißig eine Plattform bietet. Josta van Bockxmeer hörte zu.

Das Plakat der U30 Lesung. Illustration: Elisabeth Botros

Im überfüllten Hinterraum des „Laika“, einer Kneipe in Neukölln, haben die Zuhörer sich auf Stühlen, Couches, Hockern, Lehnen und sogar auf dem Boden zusammengepfercht. Trotz Wärme und Platzmangel herrscht eine angespannte Stille. Ein Name hängt in der Luft: Der Name einer Tochter, den ihr Vater vergessen hat. „Ganz plötzlich, wie ein Herbstbaum einen Apfel verliert“, liest Robert Schieding, einer der fünf Autoren, die ihre Texte präsentieren. Aus dem Glas Wasser vor ihm auf dem Tisch trinkt er in den Momenten, in denen seine Hauptfigur dasselbe tut.

Die Lesungsreihe U30 bietet jungen Autoren die Möglichkeit, sich dem Publikum vorzustellen. Organisiert wird sie von Jennifer Bode und Elisabeth Botros, die beide an der FU Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studieren. Eine erste Lesung fand bereits im Februar statt, im Herbst folgt die nächste. „Uns geht es darum, den Autoren mehr Zuhörer zu verschaffen“, sagt Elisabeth. Zusammen mit Jennifer moderiert sie den Abend.

Kleine Dinge überzeugen

Es sind oft kleine Dinge, die als Ausgangspunkt für die Texte dienen und zu originellen Ergebnissen führen. Juliane Link  beispielsweise beginnt ihren Vortrag mit Textaufgaben, in denen Daten zum Kindstod berechnet werden müssen. Um die Zahlen entspinnt sie die Geschichte einer Babysitterin, die ängstlich auf das Kind aufpasst und sich zwischen den Zeilen in das Leben der Eltern hineinwünscht. Im anschließenden Interview sagt die Autorin: „Mich interessiert, was eine vorgegebene Textgattung für ein literarisches Potential hat.“

Die Performance der Gruppe „Pique“ führt die Zuhörer in den Kunstunterricht. Der Raum wird verdunkelt, eine der beiden Lesenden hat eine Maske auf. Auf der Leinwand hinter ihnen ist der Kopf eines Pelikans zu sehen, der sich ab und zu bewegt. Im Text geht es ums Sehen und die Anordnung der Farben. Der letzte Satz bietet den Zuhörern eine schöne Änderung der Weltsicht: „Nur die Ameise sieht das Gelb [der gefallenen Blätter] von unten.”

Literatur als Dialog

Roberts schlichte, stimmige Dialoge lassen die Charaktere lebendig erscheinen. Die Tochter spricht ungeduldig mit vollem Mund: „Dengs du au’ mal an was Bewondres?“ Die erzieherische Reaktion des Vaters lautet: „Sprich doch bitte erst, wenn du zu Ende gekaut hast.“ Die Wichtigkeit des Gesprächs betont der Autor nochmal im Interview: „Die Literatur ist ein Dialog.“

Viktor Gallandi setzt dieses Motiv fort: „Beim Sprechen geht etwas verloren“, liest er. In seinem Text hält eine Frau ein nacktes, pochendes Herz, für das sie alles opfert. Bei dieser Ausschlachtung einer Metapher gehen Feingefühl und Phantasie leider verloren. Als Gallandi schildert, wie seine Hauptfigur in ihrer Wohnung ein Schwein schlachtet, um mit dessen Blut das Herz zu füttern, bleibt dem Publikum nichts anderes übrig, als nervös zu kichern.

Auch der Dialog mit den Eltern wird gesucht. In „Zu erzählen“ von Anna-Theresia Bohn spricht eine Autorin von der Unmöglichkeit, zu erzählen, wenn alles erzählt werden darf. Ihre Eltern gehörten der deutschen Minderheit in Rumänien an, sagt Anna-Theresia im Interview. Ihr Vater hatte dort als Autor mit Zensur zu kämpfen, wodurch das Schreiben an Bedeutung gewann. „Da dachte ich mir, das hätte ich auch gerne“, sagt sie. Um sofort zu ergänzen, dass sie sich diese Art, dem Schreiben Gewicht zu verleihen, nicht wirklich wünscht.

Den vielen textuellen Dialogen zum Trotz kommt ein wirklicher Austausch zwischen Autoren und Publikum leider nicht zustande. Die kurzen Interviews nach den Vorträgen wirken eingeübt, die Antworten sind etwas zu gut formuliert, um spontan sein zu können. Es scheint vergessen, dass die Kraft von jungen Autoren vielleicht gerade darin liegt, dass sie nicht wie die Älteren klingen. Doch der wichtigste Bestandteil einer gelungenen Lesung sind gute Texte. Die gibt es reichlich.

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