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Arbeiterkinder, Akademiker, Aufregung

Empörung an der FU: Die Uni gibt Dozenten diskriminierende Ratschläge zum Umgang mit Arbeiterkindern – meint jedenfalls die „Süddeutsche Zeitung“. Max Krause hat sich die Vorwürfe genauer angeschaut.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat einen Skandal aufgedeckt: An der FU werden Studierende, deren Eltern keine Akademiker sind, systematisch diskriminiert. Das jedenfalls könnte man glauben, wenn man sich den Artikel zu Gemüte führt, der vor einigen Tagen auf „sueddeutsche.de“ erschienen ist.

Wogegen wendet sich die Kritik? Die FU stellt auf ihrer Internetpräsenz Dozenten didaktische Vorschläge zur Verfügung, wie sie in Vorlesungen und Seminaren besser auf bestimmte Gruppen von Studierenden eingehen können: Es gibt Tipps für behinderte Studierende, Migranten, internationale Studierende und eben auch für Studierende aus Nicht-Akademiker-Haushalten.

Nun gibt es zahlreiche Statistiken, die belegen, dass solche „Arbeiterkinder“ an deutschen Universitäten unterrepräsentiert sind. Es ist daher prinzipiell ein löblicher Ansatz, solche benachteiligten Gruppen fördern zu wollen. Hier scheint also kein Problem vorliegen.

Kritiker sind gegen Förderung für Nicht-Akademiker-Kinder

Doch der Schein trügt – behauptet jedenfalls der Augsburger Dozent Peter Riedlinger. Er hält den Leitfaden für diskriminierend, weil er empfehle, Wortbeiträge der Studierenden anzuerkennen, Nachfragen nicht als „dumm“ abzutun, und akademische Fachbegriffe zu erklären. All diese Vorschläge sind aber didaktisch sinnvoll. Unglücklicherweise wirkt es im Kontext, als seien besonders von „Arbeiterkindern“ dumme Fragen zu erwarten.

Wer aber den ganzen Text liest, muss zu dem Schluss kommen, dass das Unsinn ist. Tatsächlich geht es vor allem darum, die Atmosphäre im Kurs so zu gestalten, dass niemand Angst hat, sich zu beteiligen.

In Wahrheit hat Riedlinger, selbst ein Arbeiterkind, nämlich ein ganz anderes Problem: Er sieht hier die „Geburt einer Minderheit“. Er lehnt es ab, Nicht-Akademiker-Kindern eine besondere Förderung zukommen zu lassen, mit dem impliziten Hinweis darauf, dass er es ja selbst auch alleine geschafft hat. Damit argumentiert er aus genau der elitären Grundhaltung heraus, die er der FU vorwirft: Ich habe es alleine geschafft, also seid ihr selbst schuld, wenn ihr scheitert.

Immerhin versucht die Uni auf Minderheiten einzugehen

Das Arbeiterkinderbeispiel illustriert ein Grundproblem, dass in allen Umsetzungen von Gender- und Diversity-Konzepten zum Ausdruck kommt: wer eine bestimmte Gruppe besonders fördern will, muss implizit unterstellen, dass diese Gruppe im Vergleich zu anderen Defizite hat. Das kann man dann als Herabwürdigung verstehen. Keine Förderung bedeutet aber: die jetzigen Verhältnisse zementieren, in denen die Gruppe unterrepräsentiert ist. Auch das ist diskriminierend.

Die Diversity-Stelle der FU hat sich entschieden, den Drahtseilakt zu wagen. Dabei sind einige unglückliche Formulierungen entstanden. Dennoch sollte man eher wertschätzen, dass die Uni überhaupt versucht, auf Minderheiten einzugehen, anstatt einzelne Formulierungen herauszugreifen, um die an sich sinnvollen Ratschläge zu verwerfen. Denn Eines bestreitet wohl niemand: Didaktische Tipps können viele Dozenten mehr als gut gebrauchen.

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