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Mr. President, Ihr Stiefkind schmollt

Vor dem Brandenburger Tor sprechen und lässig die Hüllen fallen lassen — cool! Doch hat Obama ganz vergessen, seinem Stiefkind, der FU, einen Besuch abzustatten. Thomas Rostek reagiert verschnupft auf diesen Fauxpas.

Illustration: Cora-Mae Gregorschewski

„Lieber Barack Obama“, so pflegte es auch Angie zu sagen, als Ihnen bei 35 Grad im Schatten die Brühe die Stirn herunterrann. Ich bugsiere mich mit meiner theatralischen Art menschlich für sie vermutlich ins Abseits – das macht aber nichts. Wer seine eigene, 35 Liter Diesel verschlingende Staatskutsche mit nach Europa schleppt, der hat seine ganz eigenen Prinzipien. Und ich habe meine. Und ich möchte daran festhalten, einen nicht so informellen Umgang zu pflegen, wie Sie es just vor zwei Tagen noch den fein säuberlich ausgesuchten Gästen versuchten, als Sie ganz lässig und ultracool Ihr Jackett hinter der Panzerglasscheibe auszogen.

Es hätte noch gefehlt, dass Sie sie über das Meer von überzogenem Personenschutz geworfen hätten. Dann wäre ein richtiger Striptease daraus geworden und Sie wären mit Ihrer Rede doch noch in die Geschichtsbücher eingegangen. Mit einem Cover von Kennedys und Reagans Reden im Gepäck wirkte es dann doch eher wie ein leidlicher Abklatsch als eine Rede, auf die das Land gewartet hat. Das war wie Nudeln von gestern. Aufwärmen macht’s nicht besser.

„Lieber Barack, ich heiße dich willkommen bei Freunden!“, das sagte Angie auch. Aber sind wir wirklich so eng befreundet, Buddy? Ich weiß es nicht so genau. Ich bin Teil der Freien Universität, also Teil der deutsch-amerikanischen Freundschaft, die in dieser Universität zum Ausdruck kommen soll. Ohne euch, guys, hätten wir in unseren Anfängen im Jahr 1948 nicht so viel Starthilfe gehabt und wären vielleicht jetzt nicht dort, wo wir heute sind.

Wieso haben Sie also Ihrem Baby, das mittlerweile eigentlich aus den Windeln herausgewachsen ist, keinen Besuch abgestattet? Okay, Freunde sind wir vielleicht immer noch. Aber ich schmolle und bin betrübt, ich hätte Sie gerne gesehen. Ich hätte Sie gerne über Ihre Einstellung zu universitären Themen, zur wissenschaftlichen Verbundenheit zwischen Deutschland und Amerika und vielleicht auch über Ihr eigenes Studentenleben ausfragen wollen – angeblich waren Sie in ihrer Studentenzeit als großer Kiffer verschrien. Interessant. Sie hätten hier einige Freunde finden können, Mr. President.

Kiffen hin, kiffen her. Es wäre toll gewesen, hätten Sie sich an der Freien Universität blicken lassen. Mit oder ohne Jackett, mit oder ohne Merkel, aber bitte ohne Panzerglas. Lassen Sie sich bei Ihrem nächsten Deutschlandbesuch gefälligst bei uns blicken, dann landen wir vielleicht ja wieder beim „Du“, Barack.

Herzlichst,

Ihr Thomas Rostek

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