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Die Kunst und das Ende der Welt

Wie verändert der Klimawandel unser Denken? Welche Folgen hat er für die Kunst? Diese Frage stellte sich Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour bei seiner Lesung an der FU. Josta van Bockxmeer hörte zu.

Unsere Welt, wie wir sie kennen, steht vor ihrem Ende. „The whole notion of the global gets crushed“, sagt Bruno Latour. Foto: Fabian Hinsenkamp

Eine Tänzerin flieht rückwärts, das Gesicht vor Schrecken zu einer Grimasse verzogen. Wenn sie sich umdreht, ist an ihrem Gesicht zu sehen, dass sie einer bisher unbekannten Katastrophe gegenübersteht. Diese Tänzerin sind wir. Diese Schockhaltung der Menschen gegenüber dem Klimawandel ist es, um die es Bruno Latour, Philosoph und Anthropologe an der Science Po in Paris, am vergangenen Montag ging. Der etwas mythisch anmutende Titel seines Vortrags: „What Does it mean to Become Sensitive to the Intrusion of Gaia?“

Vor dem übervollen Hörsaal im Institut für Theaterwissenschaft zeigte Latour, wie der Klimawandel unser ästhetisches Empfinden ändert. Gaia ist ihm zufolge die Welt, die so sehr von uns Menschen beeinflusst ist, dass sich unser Einfluss nicht mehr von der Natur trennen lässt. Gleichzeitig aber werden wir mit dem Klimawandel konfrontiert, den wir nicht kontrollieren können. Diese Drohung beherrscht Latour zufolge das heutige Denken: „It is now easier to speak of the end of the world than of the end of capitalism.“

Dieses Krisendenken habe zur Folge, so Latour, dass sich sogar unser ästhetisches Empfinden ändere. Diese Änderung gelte sowohl für die Kunst als auch für die Wissenschaft. Eine echte Ausbreitung unseres Wissens, wie dies zum Beispiel bei der „Entdeckung“ neuer Kontinente der Fall war, wäre heute nicht mehr möglich. Stattdessen werde unser Wissen immer spezifischer und komplexer, was Latour als Intensivierung und Lokalisierung unseres Erlebens der Welt beschreibt. Er meint: „The whole notion of the global gets crushed.“

Diese Änderung hat nicht nur einen philosophischen Wert, sie erzeugt vor allem sehr schöne Bilder. Latour zeigte Bilder des Werks „On Space Time Foam“ von Tomás Saraceno, bei dem Besucher sich auf einer mit Gas aufgepusteten Plastikfolie wie auf einer riesigen Hüpfburg zurecht finden mussten. Seinen schönsten Moment verdankte der Vortrag aber einer Wissenschaftlerin: Katja Reidel sammelt jede Woche an einer Klippe in Neuseeland eine kleine Portion Luft ein, um die CO2-Werte zu messen. Latour nannte ihre Arbeit „humble science“: Bescheidene Wissenschaft, ohne Anspruch auf allumfassende Lösungen.

Latours Vortrag versetzte den Hörsaal in Weltuntergangs-Stimmung. „Ecology is war and conflict“, so der Professor aus Paris. Die friedliche Umweltbewegung der siebziger Jahre sei somit überholt, es gebe keine Erde als harmonische Einheit mehr. Diese Unheilsbotschaft relativierte er mit einer gesunden Portion Humor, regelmäßig brachte er den ganzen Saal zum Lachen. Doch es bleibt fraglich, ob der Wandel, den Latour seit den Achtzigern sieht, wirklich so radikal ist und das Ende der Welt heute tatsächlich soviel näher. Latour ist davon jedenfalls fest überzeugt. Für ihn ist „humble science“ die einzige Hoffnung.

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