Ich hab´ den Text nicht gelesen | FURIOS Online
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Ich hab´ den Text nicht gelesen

Hochmotiviert, stets gut vorbereitet, so fing das Semester an. Nun ist es halb vorbei und Margarethe Gallersdörfer geht es schlecht. Denn sie hat den Text fürs Seminar nicht gelesen. Schon wieder.

Illustration: Cora-Mae Gregorschewski

Ich studiere Literaturwissenschaft und Politik. Eine Todeskombination für jede strebermäßige Absicht, nie anders als vollständig vorbereitet in der Uni zu erscheinen. Schon im ersten Semester war es so weit. Ich reihte mich ein in den Strom meiner Seminarkolleginnen und -kollegen, als mein trüber Blick den eines Kommilitonen traf. Wir nickten uns wissend zu. Schon holte ich Luft, um mein Versagen zu gestehen, doch er kam mir zuvor. Finster sprach er: „Ich hab´ den Text nicht gelesen.“

Ich auch nicht. Ich hab´ den Text nicht gelesen. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich mehr weh als Ihnen, liebe Dozentin. Denn nun sitze ich hier, die Rede ist von Roland Barthes‘ Kultursemiotik, und mein Gehirn gibt eine ähnlich schlechte Figur ab wie ich beim Völkerball in der Schule: Es hetzt von links nach rechts und äugt panisch nach dem Ball, den sich die anderen in rasender Geschwindigkeit zupassen. Wo ist er nur? Worum geht´s? Warum passiert das hier alles? Damals löste ein unvermittelter Schlag auf den Hinterkopf das Rätsel auf: Hier liege ich, das ist Schmerz, nimm das Absurde an, um es zu bewältigen. Heute trifft mich die einfache Frage: Wie habe ich eigentlich das Abitur geschafft?

Ich hab´ den Text nicht gelesen. Mir geht´s so schlecht. Es ist wie jedes Jahr wenige Wochen nach Neujahr: Die Zigarettenschachtel ist halb leer, die Laufschuhe drücken irgendwie und wie war das mit den Kohlehydraten zum Abendbrot? Ich war mir so sicher, dass es dieses Semester klappen wird. Ich hatte einen Plan, wann ich jede Woche welchen Text für welches Seminar lesen werde – Schall und Rauch. Das Semester ist halb vorbei und ich hab´ den Text nicht gelesen. Es ist nicht der erste.

Ich hab´ den Text nicht gelesen, aber zumindest habe ich das Problem erkannt: Der Text war online. Ich drucke nicht aus, denn Ausdrucken tötet Bäume und dann hat man diese Papierstapel, die man lochen muss und in Ordner heften, theoretisch – zu anstrengend. Doch einen Text am Computer zu lesen ist etwa so, wie sich im Club in die Zeitung zu vertiefen – nur ein Blatt Papier liegt zwischen dir und einer Welt voller Freunde, Spaß und Rausch.

Ich hab´ den Text nicht gelesen. Aber ist das wirklich wichtig? Möchte man in Regelzeit studieren, hat man mindestens fünf Seminare pro Woche, für jedes sind im Durchschnitt 20 Seiten zu lesen. „Harry Potter“ ist das nur, wenn man Glück und ein Händchen für die Seminarauswahl hat. Nach einem Sechstel des dreißigseitigen PDF-Dokuments, indem sich Adorno über den Essay auslässt, beginne ich, stattdessen sämtliche Artikel über Peer Steinbrücks Fettnäpfchenweitspringen zu lesen. Oder einem Freund im emotionalen Notstand beizustehen. Das Bad zu putzen. Oder zu schlafen.

Ja, es ist ein Privileg zu studieren. Ja, ich habe mir das ausgesucht. Ja, Vater Staat zahlt mir das. Aber, äh, das hier ist sowieso alles viel zu verschult. Und überhaupt, man soll doch noch was anderes machen als Uni und außerdem bin ich jung und werde nicht jünger und … Ach verdammt! Diesmal sollte alles anders werden, doch ich hab´ den Text nicht gelesen. Schon wieder.

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