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Die Schatten der Produktivität

Was ist falsch an unserem Gesellschaftssystem? Am Dienstagabend traten Nancy Fraser und Rahel Jaeggi an der Freien Universität in einen Dialog über den Kapitalismus und stießen auf großes Interesse. Von Josta van Bockxmeer

Nancy Fraser: Erneuerter Kapitalismus braucht erneuerte Kritik. Lizenz: Creative Commons

Die Kritik des Kapitalismus „is booming“, stellte Rahel Jaeggi gleich zu Anfang der Lesung fest. Welche Fehler dem System innewohnen und wie eine heutige Kapitalismuskritik auszusehen hat, waren die Fragen, denen sie und Nancy Fraser sich in ihrer Lesung widmeten. Moderiert wurde der Dialog von Stefan Gosepath, Professor für praktische Philosophie an der FU.

Fraser, Professorin für Politik- und Sozialwissenschaften an der New School for Social Research in New York, und Jaeggi, Professorin für praktische Philosophie an der Humboldt Universität, stellten ein „work in progress“ vor: Sie wollen zusammen ein Buch über neue, dem 21. Jahrhundert angemessene Formen der Kapitalismuskritik veröffentlichen, in Dialogform.

Der Abend war von großer Einigkeit geprägt. Während des ersten Teils der Lesung stellte Jaeggi vor allem Fragen, auf die Fraser mit der Erläuterung ihrer Kritik des heutigen Kapitalismus antwortete. Die Protagonistinnen ergänzten sich perfekt. Fraser erläutert, Jaeggi lobte: „Ich mag die Herangehensweise.“

Fraser unterschied die „Geschichte der Vorderseite“ des Kapitalismus, im wesentlichen Marx‘ Analyse der Erzeugung von Mehrwert durch Produktion und Ausbeutung, von der Geschichte der „Rückseite“, der Frage danach, wodurch dieses System ermöglicht wird.

Diese „Rückseite“ seien etwa die Einstellungen, die das System stabilisieren. Zum Beispiel leisten vor allem Frauen im Haushalt viel Pflegearbeit, die nicht entlohnt wird. Auch die Ausnutzung des Ökosystems gehöre dazu. Der Kapitalismus setze den Profit aus der Natur voraus, zerstöre dieses damit gleichzeitig, so Fraser. Diese Mechanismen gerieten jedoch aus dem Blick, wenn man den Kapitalismus nur als ein ökonomisches System erfassen wollte. „Der Kapitalismus ist kein ökonomisches System. Er ist eine Gesellschaft“, so Fraser.

Fraser und Jaeggi waren sich zwar meistens einig, ihre philosophischen Stile unterschieden sich aber deutlich voneinander. Fraser schien allzu tief theoretische Überlegungen vermeiden zu wollen. So bekannte sie sich zu einem „strategischen Agnostizismus“ in der Frage, ob wir eher eine Reform des Kapitalismus oder eine Revolution anstreben sollten. „Hier sollte die Theorie aufhören und die Politik anfangen“, sagte sie.

Jaeggi war zwar oft ähnlicher Meinung, sie drückte sich aber präziser aus. „Ob man Reformistin oder Revolutionärin ist, ist nicht so wichtig. Was zählt, ist die radikale Transformation.“ Jaeggis Neigung, den Fragen philosophisch tief auf den Grund zu gehen, überzeugte. „Es ist wichtig, über verschiedene Arten der Kritik nachzudenken.“ Man wollte es ihr sofort nachmachen.

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