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Gut und Böse

Für den ersten Teil unserer Film-Serie haben wir einen Klassiker unter den Vietnamfilmen ausgegraben: „Platoon“. Seit 1986 scheiden sich an ihm die Geister. Salomé Stühler erklärt warum.

Oliver Stones Klassiker ist 1986 auf die Leinwand gekommen.

Seit dem Vietnamkrieg sind die USA nicht mehr das, was sie einmal waren: Das Land steht nicht mehr auf der moralisch richtigen Seite und verliert gegen einen technologisch unterlegenen Gegner. Freund und Feind sind kaum noch zu unterscheiden.

Das Trauma hat auch Hollywood und den Kriegsfilm verändert: Der unantastbare Patriotismus weicht verzweifelten Helden, aus dem Offizier als Vaterfigur wird ein jämmerliche Versager, aus den stolz in den Kampf ziehenden Soldaten werden Jünglinge, die der Krieg zerstört.

„Platoon“ von Oliver Stone ist erst 1986 entstanden. Zu einem Zeitpunkt, als die USA zu einem neuen Selbstbewusstsein fanden. Neben „Apocalypse Now“ (1979) und „Die durch die Hölle gehen“ (1978) gilt er als einer der klassischen Vietnamfilme. Zugleich steht er für eine neue Ära im Kriegsfilm-Genre: Zum ersten Mal fühlten sich Veteranen verstanden. Die Soldaten erkannten „ihr“ Vietnam wieder und feierten den Realismus des Films.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Soldaten Chris Taylor (Charlie Sheen), der sich 1967 freiwillig zum Militärdienst meldet. Nach Gefechten, Drogenpartys und der ewig präsenten Todesangst wird er schließlich als Mann aus dem Krieg hervorgehen.

Symbolik wie ein Holzhammer

In Vietnam ist Taylor von seinen beiden Unteroffizieren gleichermaßen fasziniert: Elias (Willem Defoe) und Barnes (Tom Berenger) sind wie Engelchen und Teufelchen. Wer was ist, zeigt Oliver Stone mit einer Symbolik à la Holzhammer. Elias‘ Märtyrer-Tod in Zeitlupe und Kreuzigungs-Pose sowie Barnes‘ ramponiertes Äußeres lassen keine Zweifel aufkommen: Ersterer verkörpert die Illusion eines bewehrten Soldaten mit reiner Weste. Die unkaputtbare, narbengesichtige Kriegsmaschine Barnes hingegen repräsentiert das Böse im Krieg schlechthin.

Die Filmpresse hat die Kriegsdarstellungen in „Platoon“ als überaus realistisch gelobt. Doch der Film liefert auch eine allzu einfache Erklärung für das Unverzeihliche, das Massaker von Mi Lay 1968, bei dem die GIs 500 Zivilisten töteten. Diese maßlose Attacke auf alte Männer, Frauen und Kinder kann nicht als eine verständliche Reaktion auf die angestaute Angst vor dem unsichtbaren Feind abgetan werden.

Stone war selbst Soldat

Wirklichkeitsnah hingegen: Anders als in älteren Kriegsfilmen wird das Militär nicht mehr als Familie inszeniert. Die Klassengegensätze zwischen den Soldaten bleiben auch im Ausnahmezustand bestehen. Sogar bis dato verschwiegene Themen kommen auf die Leinwand: das so genannte „friendly fire“, das unabsichtliche Beschießen der eigenen Leute, oder das „fragging“, das vorsätzliche Töten eigener Truppenmitglieder.

Der Regisseur war selbst 15 Monate in Vietnam und lässt die Zuschauer gnadenlos an seinen Kriegserlebnissen als einfacher Soldat teilhaben. Auch die Schauspieler haben am Filmset den Drill eines Vietnam-Veteranen zu spüren bekommen.

Doch „Platoon“ ist kein kritischer Film. „Platoon“ zeigt einen Ausschnitt, Stones Geschichte. Das ist das Dilemma eines jeden Kriegs- oder Antkriegfilms: die Perspektive. Die Geschichte der Mannwerdung eines Einzelnen vernachlässigt zwangsläufig die politische Tragweite, die der Vietnamkrieg in den USA hatte. Dennoch ist der Film ehrlich genug, um von Eigenbeschuss und Rassismus in der Armee zu sprechen. In „Platoon“ gibt es keine Helden, keinen Sinn, keine Moral. Nur Gewalt und Gegengewalt.

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