„Gesichter vergesse ich nie“ | FURIOS Online
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„Gesichter vergesse ich nie“

26 Jahre lang arbeitete Nadica Poropat in der Mensa. Seit einer Woche ist sie Rentnerin. Mit Fanny Gruhl sprach sie über Gemüseschnitzel und mütterliche Beziehungen zu den Studierenden.

Nadica Poropat, wie sie den Studierenden in Erinnerung bleiben wird: Stets gut gelaunt. Foto: privat

Die Kasse neben dem Nachtisch war lange ihr Stammplatz. Von dort aus rief sie laut vernehmbar über das Geklapper hinweg: „Schönen guten Tag, nehmen Sie noch ein paar Gummitierchen mit. Die sind kostenlos.“ Oder ein strenges: „Da ist zu viel Salat in der Schüssel. Das geht das nächste Mal nicht.“ Das nette Lächeln zum Abschied konnte so manchen Uni-Alltag versüßen – und das ganz ohne Schokopudding. Jeder, der regelmäßig in der Veggie-Mensa verkehrt, kennt die freundliche Frau hinter der Kasse: Nadica Porporat. Die aus Kroatien stammende Mitarbeiterin war 26 Jahre lang in der Mensa in der Van’t-Hoff-Straße beschäftigt. Doch am vergangenen Mittwoch hieß es für die 63-Jährige Abschiednehmen. „Mir hat es bis zum Schluss Spaß gemacht“, sagt sie. „Ich habe sogar von meiner Arbeit geträumt. Klar, sie ist nach so langer Zeit Teil meines Lebens geworden.“

Jugendliche Lebendigkeit lenkte sie von der privaten Bürde ab

Seit einer Woche ist Nadica Poropat nun im Ruhestand. „Und ich stehe trotzdem jeden Tag halb sieben auf“, sagt sie und lacht. „Ich muss meinem Mann früh seine Medikamente geben und ihn für die Dialyse fertig machen.“ Seit 20 Jahren ist Poropats Ehemann schwer behindert. Wegen einer Gehirnblutung ist er gelähmt, hat Epilepsie, Herz- und Nierenprobleme. „Gerne hätte ich weiter gearbeitet, aber ich wollte nicht eines Tages nach Hause kommen und ihn tot vorfinden“, erzählt die 63-Jährige. Die Arbeit war für sie immer auch Erholung: Ablenkung von dem Stress Zuhause. „Die jugendliche Lebendigkeit tat gut.“

1986 trat sie ihre Stelle an der FU an. Seitdem hat sich einiges verändert. Erst 2010 stellte die Mensa ihr Angebot komplett auf vegetarisches Essen um. Die frischgebackene Rentnerin war anfangs skeptisch, aber heute ist sie begeistert: „Ich habe zu allen gesagt: Seht, wie dick ich bin – das Essen schmeckt und macht satt!“ Poropats Lieblingsessen: Gemüseschnitzel, Tofu-Gyros und Spaghetti aglio e olio. Bei ihrer Abschiedsfeier war die Belegschaft dann aber doch im spanischen Restaurant. „Ich war total überrascht“, sagt die Kroatin. „Sie haben so viel für mich vorbereitet und alle haben mitgemacht.“ Das habe sie sehr gerührt. Gleichzeitig bedauert die 63-Jährige aber, dass persönliche Beziehungen oft fehlten. So kenne sie alle Mitarbeiterinnen, meist schon seit Jahren. Dennoch sei sie noch nicht einmal auf die Idee gekommen, eine von ihnen um Hilfe zu bitten. „Privates und Arbeit sind leider getrennt“, sagt Poropat.

Ersatz-Mama an der Mensa-Kasse

Dann spricht sie doch lieber von den Studierenden: „Ich habe mich immer gefühlt, als käme mein kleiner Ricardo zu seiner Mama.“ Einige brachten ihr Blumen und Pralinen, wenn sie die Uni verließen und auch zu ihrem eigenen Abschied bekam sie einen Strauß. „Manche sagten zu mir: Wenn ich bei Ihnen bin, fühle ich mich Zuhause.“ So auch Elisa, die sogar ihre Mutter mit in die Veggie-Mensa nahm, um sie vorzustellen. Auch einer der ehemaligen Studenten hat die Kassiererin besucht. „Er ist inzwischen Anwalt und hatte seinen Sohn dabei. Dann hat er mir von seinen Leben erzählt.“ Eine Professorin bat sie einmal um Hilfe bei der Suche nach einer Haushaltshilfe. Nach zehn Jahren kam jene Professorin zurück an die FU. Poropats erkannte sie sofort: „Gesichter vergesse ich nie.“

Die Einsamkeit vieler Menschen beschäftigt sie. „Die Leute sind allein und kommen in der Mittagszeit vorbei, um ein paar Worte zu wechseln“, sagt sie. „Mit vielen war ich so vertraut – dann brauchte es auch gar nicht viel.“ Für so manchen sei sie zur Ersatz-Mama geworden. „Ich habe auch meine Kollegen um mehr Lächeln und Freundlichkeit gebeten“ erzählt die 63-Jährige. Aber nicht alle seien so offen wie sie. „Ich stehe hier und sage ‚Welt, komm her zu mir‘. Das kann nicht jeder.“ Auch wenn Nadica Poropats Sätze manchmal etwas pathetisch klingen, glaubt man ihr, dass sie diese Herzlichkeit ernst meint. Zum Schluss sagt sie noch: „Die Studenten werden mich vermissen – das weiß ich.“ Und sie hat Recht.

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