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„Ihr seht alle ziemlich philosophisch aus“

Fünf Berliner Studierende laden einmal im Monat zur Diskussionsrunde im Wedding ein. Ihr Ziel ist freie und kostenlose Bildung für alle. Lilly Busch und Luise Nagel statteten dem Projekt einen Besuch ab.

Die Academy bietet gemütlichen Raum für allerlei Tiefgründiges. Foto: Luise Nagel

Donnerstagabend im Wedding. Die Szenerie, die wir von draußen durch die Fenster des Cafés „Tassenkuchen“ beobachten, als wir in die Malplaquetstraße biegen, ist idyllisch. Vor der Eingangstür leuchtet eine Scheinwerfer das Erkennungszeichen der „Academy“ in die kalte Nacht, Kerzen werfen Licht auf eine Handvoll Flyer: „Ommmmmmm“, das ist das Schlagwort für den heutigen Abend. Wir sind eingeladen, um über Spiritualität zu diskutieren.

Das Café ist gut gefüllt; man kennt sich hier und da, erblickt aber ebenso viele neue Gesichter. Das erste Bier wird geöffnet, Erwartungen ausgetauscht. Im Hintergrund läuft angenehme Musik. Um kurz vor acht Uhr warten alle gespannt auf Torsten, den Gastdozenten des Abends. Was ist Spiritualität für mich? Woran glaube ich? Werden wir auf diese Fragen heute eine Antwort bekommen? So verschieden die Gäste, so verschieden sind auch ihre Vorstellungen, ihre Erfahrungen und ihre Biographien. Schon jetzt aber fühlen wir alle, dass auch das Ankommen, sich Kennenlernen einen wichtigen Teil des Abends einnimmt.

Mit der Vision, einen Raum für freies Wissen, Inspiration und Diskussion zu schaffen, gründeten im Sommer fünf Berliner Studierende die „Academy“. Einmal im Monat laden sie seitdem Freunde und Freundesfreunde unter einer bestimmten Themenstellung zu einem gemeinsamen Abend in den Wedding ein, durch den ein geladener Dozent den roten Faden ziehen soll. Die Veranstaltungen finden regelmäßig im Vierwochentakt statt, damit Kontakte gepflegt werden können und auf Dauer ein immer größeres Netzwerk an interessierten Leuten entsteht. Eine „Academy“ ist eine Reise, deren Ausgang keiner abzusehen vermag und gerade darin besteht ihr Ziel. Die kontroversen Diskussionen bringen Austausch und Inspiration. So entsteht ein Netzwerk aus Interessierten – eine kleine Denkfabrik.

Im Oktober las der Journalist und Autor Jörg Schindler aus seinem Roman „Verroht unsere Gesellschaft?“. Schauspieler, Aktivisten, Künstler, Naturwissenschaftler – sie alle sind zukünftige Gäste. Jeder hat ein besonderes Wissen, das er teilen kann. Dieses Projekt zeigt, dass man mit einer guten Idee und viel Engagement entsprechende Förderung findet. Ein Mobilfunkunternehmen wählte im Rahmen einer Initiative für Kinder und Jugendliche die „Academy“ als eines der zehn besten Projekte aus, hilft finanziell und stellt den Organisatoren eigene Betreuer und Coachings zur Verfügung. Aber auch im Kiez findet die „Academy“ Gefallen: Der Quartiersrat Pankstraße, in dem sich die Organistoren auch ehrenamtlich engagieren, ist begeisterter Unterstützer.

„Jeder hat eine Rechnung offen mit der Welt“

Als Torsten Loesch schließlich den Raum betritt, ist der Ausgang des Abends keineswegs abzusehen. Der Meditationslehrer will den mutigen Versuch starten, den Anwesenden Spiritualität näher zu bringen. Loesch selbst praktiziert seit 20 Jahren Meditation und hat an der Freien Universität einen Master in Philosophie und Judaistik gemacht. „Jeder hat irgendeine Rechnung offen mit der Welt. Das ist der Zugang zur Spiritualität.“, sagt er, nippt an seinem Tee und schaut erwartungsvoll in die Runde.

In den Köpfen der Zuhörer raucht es. Konzentriert und aufmerksam lauschen sie seinen Worten. Er erzählt von Grundfragen der Philosophie und der Suche nach Orientierung im eigenen Leben. „Du bist, was du bist. Hast du den Mut, dort hineinzuschauen?“ In sich selbst hineinhorchen, akzeptieren und loslassen von den Dingen, die uns blockieren – das ist für Loesch spirituelle Arbeit. Fragezeichen in den Gesichtern der Zuhörer. Das Thema des Abends ist eine Herausforderung, hinter einem Wort verstecken sich Welten. „Vielleicht führt das jetzt alles zu weit“, murmelt Loesch und nimmt einen kräftigen Schluck Tee, „aber für mich seht ihr alle ziemlich philosophisch aus.“

Torsten Loesch versucht konkret zu bleiben, auch wenn es augenscheinlich schwer fällt bei einem so breit gefächerten Thema wie Spiritualität. Den Zuhörern geht es ähnlich; einige können sich mit Loeschs Auffassung identifizieren, andere wiederum sind aufgebracht. „Was ist das denn für ein Scheiß?“ Die Diskussion gerät ins Rollen; keiner der Anwesenden kann bei dem Thema unbeteiligt bleiben.

Nach rund zwei Stunden klingelt einer der fünf studentischen Organisatoren an einem Glas. Die Zeit ist rum. Ehe die Diskussion in einen Leerlauf gerät und während noch viel zu sagen bleibt, wird die Runde aufgelöst. Das ist eine strenge Regel. Denn die Gespräche sollen den Raum verlassen und weitergehen, die Ideen mitgenommen und weitergedacht werden.

Dass am Ende des Abends ein Fragezeichen im Kopf stehen kann, ist Teil der Idee: Die „Academy“ ist ein Experiment. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe teilt eine einprägsame Erfahrung, Gedanken werden angestoßen und ausgetauscht.  Die „Academy“ soll Raum geben, über Themen, die uns bewegen, ungezwungen und ehrlich zu diskutieren. Auch die fünf Organisatoren sind zufrieden: „Es passiert so viel in der Welt. Es ist schön, wenn wir eure Meinung darüber hören können.“

Wir brechen mit einem guten Gefühl nach Hause auf und wissen, dass wir nächstes Mal ganz sicher wieder dabei sind. Und während wir uns noch zu später Stunde über den Sinn des Lebens unterhalten, sind die Gedanken der Jungs bei der nächsten „Academy“. Konkrete Themenabende wie ein Wahlspezial zur Bundestagswahl 2013 sind schon in Planung.

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