Jemand da in Dahlem? | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

Jemand da in Dahlem?

Bald fangen die Vorlesungen wieder an. Doch was passiert in den Wochen davor, wenn die meisten Studenten am Strand liegen oder sich im Praktikum tot arbeiten? Mike Bolz hat sich vor Semesterbeginn auf dem Campus umgesehen.

Leere Flure in der Silberlaube – in den Semesterferien wirkt die Uni wie eine Geisterstadt. Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Obwohl es bereits Mittag ist, ist es düster, als ich an der Silberlaube ankomme.  In dem schummerigen Licht sieht man der grauen Fassade jedes ihrer 32 Jahre an. Vor dem Eingang zur Mensa ist es leer – keine Raucher, keine Schlange vor dem Sparkassenautomaten. Nur ich und ein paar verwelkte Blätter, die durch die Luft wehen.

Vom Wind getrieben gehe ich in den dunklen Bau. In der Mensa selbst ist es ungewöhnlich ruhig. Der Geräuschpegel erinnert an das Innere einer Bibliothek, da sich kaum jemand unterhält. Hier und da sitzen ein paar Leute verstreut mit einem Buch auf dem Tisch oder ihren Köpfen hinter Laptop-Bildschirmen.

Als Vegetarier gehe ich normalerweise in die Veggie-Mensa. So kann mich das reduzierte Essensangebot in der Hauptmensa heute nicht überzeugen. Ich gehe weiter durch die leeren Flure zur Philologischen Bibliothek und hoffe, dort auf mehr Studenten zu treffen.

Und tatsächlich: Ich habe die Bibliothek noch nie so voll erlebt! Mit 8,5 Millionen Bänden und 20.000 Zeitschriften haben die FU-Bibliotheken den größten Bestand Deutschlands – der ist auch nötig, es scheint als seien alle 28.500 Studenten auf einmal hier.

Jeder Stuhl ist besetzt, die Gänge zwischen den Regalen sind voll mit eifrigen Studenten, am Kopierraum bildet sich schon eine Schlange und auf den Tischen stapelt sich Fachliteratur.

Ruhe vor dem Sturm

Trotz all des Trubels herrscht Stille. Ich werde von mehreren Seiten böse beäugt, als ich eine Studentin – im Flüsterton! – frage, was sie denn hier macht. Sie erzählt mir, dass sie Germanistikstudentin sei und in zwei Wochen eine Hausarbeit abgeben müsse – mit der sie nicht einmal wirklich angefangen habe. Genau wie der junge Mann neben ihr.

Seit der Bologna-Reform ist der Leistungsdruck allgegenwärtig. Die vielen leeren Mate-Flaschen auf den Tischen zeugen von einem langen Tag, die angestrengten Gesichter von einer langen Woche. Wer vorhat, sein Studium in der knapp bemessenen Regelstudienzeit zu schaffen, macht die Bibliothek während der Semesterferien zu seinem zweiten Zuhause.

Als ich die Treppen zum Ausgang hinuntergehe, fällt mir auf, wie international die Freie Universität ist. Viele Studenten unterhalten sich auf Englisch, Französisch, Spanisch oder sprechen Sprachen, die sich kaum identifizieren lassen.

Kein Wunder:  Auf der FU-Internetseite heißt es, dass 19 Prozent aller regulär Studierenden aus dem Ausland kommen. Jeder Fünfte hat also zum Studieren sein Land verlassen und  ausgerechnet die FU Berlin ausgewählt. Eine positive Entwicklung – eine multikulturelle Atmosphäre ist inspirierend und lehrreich.

Ein Hauch von Bella Italia

Doch in einen Dialog zu treten, ist gar nicht so einfach. Als ich weiter zu meinem Spind gehe, um meine Jacke zu holen, unterhalten sich zwei Mädchen auf Italienisch. Ich verstehe kein Wort. Trotz vier Jahren Schul-Italienisch!

Ich frage die beiden trotzdem, woher sie kommen. Giulia kommt aus Brescia, Rebecca aus Neapel. „Wir wollten schon immer mal nach Berlin. Da das Schulsystem in Italien nicht das beste ist, dachten wir, das wäre eine ganz coole Idee“, sagt Giulia. Ihnen gefällt es gut in der Stadt, nur das Wetter könnte besser sein. Ich verabschiede mich von ihnen mit einem „Ciao“, ziehe meine Jacke an und gehe durch die Drehtür auf den Flur.

Als ich gerade ein paar Schritte gemacht habe, läuft mir auf dem Gang meine Nachbarin über den Weg. Sie hat von den mehr als 150 angebotenen Studiengängen den wohl lernintensivsten gewählt: In ein paar Monaten legt sie ihr Staatsexamen in Jura ab und verbringt momentan mehr Zeit in der Uni als irgendwo anders.

„Wir sind alle unglaublich im Trubel. Dass es stressig wird, war klar. Aber dass man von den Semesterferien absolut nichts hat, ist dann schon etwas krass“, sagt sie und joggt weiter Richtung Bibliothek – bloß keine Zeit vertrödeln.

In gut zwei Wochen fängt die Uni wieder an. Für viele ist jetzt Endspurt angesagt. Wer bereits  zu denen gehört, die sich entspannt zurücklehnen können, weil alles bereits hinter ihnen ist – Glückwunsch! Denn den Studenten, denen ich in der Uni begegnet bin, stehen noch 14 Tage voller Arbeit, schlafloser Nächte und viel, viel Kaffee bevor.

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