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„Wir haben keine Fragen. Wir haben Forderungen!“

Der Streit um die Rahmenstudien- und Prüfungsordnung hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Hunderte Teilnehmer der Vollversammlung marschierten mit einem offenen Brief vor das Präsidium. Erwartet wurden sie von heruntergelassenen Rollläden und verschlossenen Türen. Von Veronika Völlinger

Kein Weg dran vorbei: Vizepräsidentin Brigitta Schütt und Kanzler Peter Lange müssen sich Kritik der Studenten anhören. Foto: Veronika Völlinger

Kein Weg führt vorbei: Vizepräsidentin Brigitta Schütt und Kanzler Peter Lange müssen sich Kritik der Studierenden anhören,                                                                   Fotos: Veronika Völlinger

Der Countdown läuft. Keine zwei Wochen mehr und die Mitglieder des Akademischen Senat (AS) werden über den zukünftigen Studienalltag an der FU entscheiden. Dann findet die Abstimmung über die geplante Rahmenstudien– und Prüfungsordnung (RSPO) statt. Sie enthält Änderungen zur Anwesenheitspflicht, zu Prüfungswiederholungen und verpflichtenden Studienberatungen – die der AStA, das StuPa und viele Studierende massiv kritisieren.

Um alle FU-Studierende über den Inhalt und die Vorgänge zu informieren, gab es am Mittwoch eine Vollversammlung. Was die Organisatoren von der RSPO halten, wurde schnell klar: „Achtung, Achtung! Hier spricht das Präsidium. Wir exmatrikulieren euch alle!“, schrien sie zu Beginn aus dem Megaphon – und ernteten laute Lacher.

Die Studierendenvertreter stellten kurz die wichtigsten Punkte der RSPO vor. Neben den großen Kritikpunkten, wie Zwangsberatung und beschränkte Prüfungswiederholungen, stimmen auch viele Kleinigkeiten nicht oder fehlen ganz: Übergangsregelungen, Bestimmungen für Staatsexamen sowie Zweitfächer und Ausnahmeregelungen für Studierende mit Kind oder Behinderung.

Marginale Zugeständnisse

Im April gelangte ein inoffizieller Entwurf der RSPO an die Studierenden – über den in der AS-Sitzung am 23. Mai nicht geredet werden durfte. Seit dem 15. Mai gibt es nun eine offizielle Arbeitsgrundlage mit einigen Änderungen. Relevant ist dabei besonders eine: War im inoffiziellen Entwurf noch von zwei Wiederholungsprüfungen die Rede, hat das Präsidium nun hinzugefügt, dass auch drei Versuche denkbar seien. „Das ist ja süß vom Präsidium“, kommentierte dies ein Mitglied der Ini Lehramt.

In der anschließenden Diskussion wurde klar, dass viele Studierende um ihre Freiheiten und ein selbstbestimmtes Studium fürchten: „Bei Eintritt in die Uni wird einem die Pistole auf die Brust gesetzt!“ prangerte ein Kommilitone auf der Versammlung an. Aber neben der Kritik an dem Inhalt ist es auch die Art und Weise seiner Entstehung, die Wut auslöst: Ein Jahr habe das Präsidium hinter verschlossenen Türen an der RSPO gearbeitet – und gerade mal drei Wochen liegen zwischen offizieller Veröffentlichung des Entwurfs am 15. Mai und der Abstimmung im AS am 20. Juni. Für viele ist das ein weiteres Zeichen für das Demokratiedefizit und die Intransparenz an der FU.

Doch jetzt machen einige Studierende mobil: Etwa 2000 Unterschriften gegen die RSPO und 500 Unterstützer einer Online-Petition haben sie gesammelt. Zusammen mit einem offenen Brief der Studierenden sollten diese im Anschluss an die Vollversammlung zum Präsidium gebracht werden. Ein Kurierdienst mit mehreren hundert Boten machte sich auf den Weg – auch um die Einladung zum studentischen Runden Tisch am kommenden Mittwoch gleich persönlich zu überbringen.

Bildungsprotest reloaded?

Schon beim Gang zur Kaiserswerther Straße, in der das Präsidialamt sitzt, hielten die Studierenden Transparente hoch und riefen: „Steuerung Alt Entfernen“. Als sie vor der Altbauvilla ankamen und dort nur heruntergelassene Rollläden warteten, drängte die vordere Gruppe des Zuges zur Tür und stemmte sich in der Masse dagegen. Dabei soll es laut Studierenden zu Handgreiflichkeiten mit dem Sicherheitspersonal gekommen sein. Wenig später erschienen mehrere Polizeiautos. Die Beamten beobachteten das Geschehen ohne Einzugreifen – ernteten aber Spott von den Versammelten: „Schon das zweite Mal in der Amtszeit von Alt, dass die hier aufkreuzen!“

Nach vergeblichen Versuchen in das Gebäude zu kommen, traten Kanzler Peter Lange und die vierte Vizepräsidentin Brigitta Schütt heraus und bahnten sich ihren Weg durch die Menge. Auf den Stufen zur Präsidiumsvilla mussten sie sich der Kritik stellen. Im Wortgefecht – mal sehr professionell, mal höchst unsachlich – ging es vor allem um die fehlende Teilhabe der Studenten: „Wir fordern Demokratie, sie argumentieren mit Sachzwängen!“

Kanzler Lange merkte an, dass Universitätspräsident Peter-André Alt sehr wohl bereit gewesen wäre, zur Vollversammlung zu erscheinen – doch dort sei er eine„unerwünschte Person“ gewesen. Die Organisatoren haben sich im Voraus gegen die Anwesenheit des Präsidenten bei der Vollversammlung entschieden, da diese in erster Linie dem Austausch zwischen den Studierenden diene. Aber sie verwiesen auf den Runden Tisch, bei dem ein Austausch stattfinden könne und luden den Kanzler dazu ein. Dessen Antwort: Nein.

Viele Anwesende zweifelten an dem Zustandekommen eines Dialogs. Trotzdem trieb der Regen irgendwann auch die letzten Verbliebenen zurück zur Silberlaube.

Aber das letzte Wort ist lange nicht gesprochen. Am 13. Juni, genau eine Woche vor der alles entscheidenden AS-Sitzung, findet der studentische Runde Tisch statt. Ob ein Mitglied des Präsidiums erscheint und es doch noch zum Dialog kommt – oder ob Protest und Blockade das Mittel zur Wahl werden: Hier wird es sich entscheiden.

4 Kommentare

  • Beide Daumen hoch. Toller Artikel!!

    Ich finde es großartig, dass so viele Studis endlich einmal gemeinsam den eklatanten Mangel an Demokratie an der „Freien“ Universität anprangern.

    Das dürfen wir uns nicht einfach so gefallen lassen. Das sind wir auch denen schuldig, die sich von den meisten Studis unbemerkt seit Jahren in den Gremien der FU solch perfide Argumentationen anhören müssen, wie auf der letzten AS-Sitzung erlebt.

  • Der Artikel schildert die Vorgänge sehr Vorteilhaft für die Studierendenschaft. Gestern war dann doch mehr Eigendynamik und Chaos – die Rolläden waren nicht von Anfang an unten und als ein weibliches Präsidiumsmitglied wie aus dem Fenster heraus angekündigt (also offene Rolläden!) zum Dialog vor die Tür treten wollte, konnte sie nicht. Zu viele Studierende drückten von außen dagegen. Dialogkultur gern, aber nicht nur von Seiten des Präsidiums wird diese verhindert.

  • An Bernd:

    man kann Rollläden durchaus runter- und danach wieder hochziehen. So geschehen am Mittwoch beim besagten Fenster, durch welches Frau Schütt kommunizierte. Die meisten restlichen Rolläden wurden in der Tat sofort bei Ankunft der Studierenden runtergelassen.

  • Ich denke, dass die Art und Weise, wie Kanzler Lange vor dem Präsidium aufgetreten ist, ganz gut deutlich macht, von welcher Seite aus kein Dialog gewünscht ist.

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