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Die Ministerin und das Gewissen

Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) steht im Verdacht, bei ihrer Doktorarbeit geschummelt zu haben. An der Freien Universität ist Schavan als Honorarprofessorin tätig. Die FU schweigt zu den Vorwürfen. Von Veronika Völlinger


Welches Ergebnis wird die Überprüfung von Schavans Doktorarbeit liefern? Foto:Laurence Chaperon/BMBF

Das Seminar für Katholische Theologie am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften erregt nur wenig Aufmerksamkeit im Alltag von 30.000 Studenten. Seit dem Wintersemester 2009/2010 jedoch hat sich das Vorlesungsverzeichnis der Theologen um eine prominente Dozentin erweitert: Schwerpunkt Moraltheologie und Praktische Theologie, ausgebildet und promoviert an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – und Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Die Rede ist von CDU-Politikerin Annette Schavan. Im Juni 2009 gab man bekannt, mit Schavan als Honorarprofessorin eine Expertin und Persönlichkeit gewonnen zu haben, die „geisteswissenschaftliche Exzellenz mit gesellschaftlicher Präsenz und Wirksamkeit verbindet“. Seitdem trägt sie den Professorentitel. Fast jedes Semester hielt Schavan Blockseminare zu Themen wie „Ethik und Unendliches“ oder „Was ist das Gewissen?“. In diesem Semester lautet der Seminartitel:  „Politik und Religion“.

Letzte Woche rückte jedoch eine andere akademische Leistung der Ministerin in den Vordergrund: 1980 wurde Schavan an der Uni Düsseldorf zum Thema „Person und Gewissen – Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ promoviert. Note: magna cum laude. Genau bei dieser Arbeit soll sie allerdings geschummelt haben.

Uneinige Überprüfer

Im Dezember 2011 hatten die Plagiatsjäger von Vroniplag begonnen, Schavans Doktorarbeit zu untersuchen. Sie fanden zwar problematische Stellen – etwa Verweise auf Primärliteratur, wo Schavan offensichtlich nur die Sekundärliteratur gelesen hatte – entschieden sich aber dazu, die Ergebnisse nicht zu veröffentlichen: Der Umfang der problematischen Stellen bewegt sich an der kritischen Grenze von 10%. „Frau Schavan hat nicht ordentlich zitiert, aber auch nicht seitenweise abgeschrieben“, sagte einer der Plagiatsjäger zu SPIEGEL ONLINE.

Dass die Ergebnisse trotzdem den Weg in die Öffentlichkeit fanden, geht auf die Initiative eines Einzelnen zurück. „Ich wollte das nicht unter den Tisch fallen lassen“, erklärte ein anonymer Ankläger in einem schriftlichen SPIEGEL-Interview. Er nennt sich Robert Schmidt und hat bei der ersten Überprüfung durch die Aktivisten von Vroniplag mitgearbeitet. Anfang April meldete er das Blog schavanplag.wordpress.com an. Dort lassen sich die Ergebnisse der Plagiatsüberprüfung einsehen; jene Ergebnisse, die der anonyme Ankläger auch an deutsche Zeitungsredaktionen schickte.

Kein zweiter Guttenberg

Es ist umstritten, ob die Plagiatsvorwürfe gerechtfertigt sind. Allerdings setzen viele Kritiker andere Maßstäbe an Schavan. Im letzten Jahr erhob sie die Stimme gegen den ehemaligen Verteidigungsminister zu Guttenberg; als Bildungsministerin ist sie außerdem die oberste Wächterin über die Wissenschaft in Deutschland. Mittlerweile hat Schavan die Promotionskommission an der Heinrich-Heine-Universität gebeten, die Vorwürfe zu überprüfen.

Ob Schavan ihren Doktortitel behalten kann, wird derzeit also in Düsseldorf bestimmt. Das Seminar für Katholische Theologie an der FU „kann und will“ sich zu der Angelegenheit nicht äußern. Auch die Pressestelle des Präsidiums erklärt, von den Vorwürfen selbst erst aus der Presse erfahren zu haben.  Man ist vorsichtig ein Statement abzugeben; die Zukunft der Professur bleibt unklar. Dennoch erfülle Schavan ihre Lehrverpflichtung „in vollem Umfang“. Man will das Urteil der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf abwarten und vertraut bis dahin auf das reine Gewissen der Gewissensforscherin.

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