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Trotzkisten vom TU-Campus verjagt

Die Jugendorganisation der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) hatte auf dem Gelände der TU einen Vortrag über die Kontroverse um Günter Grass’ Gedicht organisiert. Doch dann tauchte die Polizei auf. Von Margarethe Gallersdörfer und Florian Schmidt.

Eine Rarität: Das anstößige Plakat hing meist nicht lange.            Foto: F. Schmidt

Ein pfeifenuckelnder Mann mit Brille blickte von jedem Baum auf die Studenten in Dahlem, als vor zwei Wochen das neue Semester begann. Neben dem gezeichneten Konterfei prangten die Worte „Stoppt die Kriegstreiber! Verteidigt Günter Grass!“ – ein Aufruf der „International Students for Social Equality“ (ISSE), die Jugendorganisation der trotzkistischen Partei für Soziale Gleichheit (PSG).

Trotz der offensiven Plakatierung waren es nur wenige Interessierte, die sich am 23. April um 18 Uhr am „Treffpunkt“ im Foyer der TU am Ernst-Reuter-Platz einfanden. Empfangen wurden sie dort von verschwörerisch blickenden Menschen. „Folgen Sie einfach dem Mann da, wir gehen in Grüppchen zum Veranstaltungsort“, sagte eine Frau. Durch ein Labyrinth von Hinterhöfen ging es ins „Café Campus“– das von Türstehern bewacht wurde. Die Eintrittskarte: Ein Flyer der Veranstaltung.

Drin folgte die nächste Überraschung. Statt einer Traube von Studenten saßen hauptsächlich mehr oder weniger ältere Jahrgänge an gedeckten Tischen. Die Stimmung erinnerte zunächst eher an einen runden Geburtstag mit Familie im Restaurant als an eine Podiumsdiskussion. Doch das änderte sich schnell.

Eine halbe Stunde nach dem geplanten Beginn verkündete einer der Veranstalter, die Polizei sei eingetroffen, die Veranstaltung dürfe in dem Café nicht mehr stattfinden. Man werde woanders hingehen, „aber wir sagen jetzt gar nicht, wohin genau. Folgen Sie uns einfach“, sagte der Mann. Eine Angestellte des Cafés sagte, sie habe angesichts der Präsenz der Beamten „Ausschreitungen befürchtet“ und Rücksprache mit ihrem Chef gehalten; dieser habe dann beschlossen, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen und die Veranstaltung abzusagen.

Der zuständige Leiter des Einsatzdienstes Ziemer erklärte, die Beamten seien gekommen, um eine Veranstaltung zu schützen, die erst wenige Stunden zuvor wieder abgesagt worden war. Die Polizei habe damit rechnen müssen, dass die Teilnehmer trotzdem erscheinen würden; außerdem habe es im Internet Störungsaufrufe gegeben. Die Veranstalter bestätigten, dass sie eine Kundgebung an- und wieder abgemeldet hätten und dass es bei einer ähnlichen Veranstaltung in Frankfurt tatsächlich zu Störungen gekommen sei. Durch wen? „Zions“, rutschte es einer Studentin heraus, um sich auf Nachfrage jedoch prompt zu korrigieren: „Antideutsche“.

Unter den Blicken zweier Polizisten direkt vor dem „Café Campus“ und vorbei an einem ganzen Mannschaftswagen mit Uniformierten am Ernst-Reuter-Platz machte sich die Gruppe auf in Richtung Bahnhof Zoo. Auf dem Weg dorthin erklärte ein Fotograf der Veranstalter, worum es bei dem Treffen inhaltlich gehen solle: Günter Grass habe die Gefahr, die von einem Angriff Israels auf den Iran ausgehe, offen angesprochen und sei dafür von der öffentlichen Meinung abgestraft und zu Unrecht als Antisemit bezeichnet worden. Generell schienen die anwesenden PSG-Mitglieder die Andeutungen Grass’, Israel ziehe einen Nuklearschlag gegen Iran in Betracht, für berechtigt zu halten.

Die Veranstalter zeigten sich erstaunt über die Komplikationen: Ein Vertreter der Uni habe ihnen telefonisch erklärt, die Entscheidung, ob sie einen Raum bekämen oder nicht, stünde sicherlich auch im Zusammenhang mit einer möglichen Beeinträchtigung der „Beziehung zu den Repräsentanten des Staates Israel“. Eine Teilnehmerin berichtete: „Wir haben bereits zahlreiche Veranstaltungen an der TU durchgeführt. Das ist das erste Mal, dass hier Zensur stattfindet.“ Die TU kommentierte diese Äußerungen nicht.

Der Spaziergang endete schließlich im Café Hardenberg. Das Personal dort schien etwas überrumpelt, doch man einigte sich. Die Organisatoren platzierten ihre Leinwand in einer Ecke, schlossen den Beamer an und rückten Stühle zurecht. Die Verteidigung des Günter Grass konnte beginnen.

Abgesprochen war das mit dem Inhaber des Cafés nicht. Die Trotzkisten hatten sich selbst eingeladen – ohne sich vorher eine Genehmigung des Geschäftsführers geholt zu haben. Der war an dem Abend nicht anwesend, zeigte sich im Nachhinein aber sehr verärgert: Grundsätzlich fänden in seinen Räumen keine parteipolitischen Veranstaltungen statt.

4 Kommentare

  • Ja und was waren nun ihre Argumente zur Verteidigung von Grass?

  • meine: wie wurde darüber diskutiert?

  • Argumente! Darum geht’s ja gar nicht. Die auf der Veranstaltung anwesenden Studenten, die den Verfasser des Artikels auf heimtückische Weise optisch getäuscht haben und dadurch versehentlich als „ältere Jahrgänge“ wahrgenommen wurden, mögen noch so gute Argumente haben, warum Günter Grass verteidigt werden sollte (z.B. Entwertung des Vorwurfs „Antisemitismus“ durch ständigen, politischen und völlig unsachgemäßen Miss- bzw. Gebrauch; offensichtliche Kriegsvorbereitung der israelischen Regierung auch ohne Beweise für Massenvernichtungswaffen (siehe Irak-Krieg); Schmutzkampagne gegen Grass durch den Großteil der deutschen Presse). Mal ehrlich: Der Artikel weiter oben ist derartig tendenziös und unsachlich, dass er ohne Probleme in eine noch sehr junge Tradition gestellt werden kann: Man beschäftige sich auf gar keinen Fall mit Grass‘ Argumenten oder denen seiner Verteidiger und stelle beide stattdessen als alte, senile Spinner dar (wie sowas funktioniert kann man selbst bei Harry Potter nachlesen). Wenn sich Frau Gallersdörfer und Herr Schmidt in Zukunft noch etwas radikaler geben, stehen ihnen sicher glänzende Karrieren bei der Bild-Zeitung bevor.

  • Lieber i,

    wenn dich Argumente und die Gegensicht der Ereignisse interessieren, dann empfehle ich dir folgenden Artikel: http://www.wsws.org/de/2012/apr2012/pers-a26.shtml

    Beste Grüße,

    Leon

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