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Die Umweltenbummlerin

Das deutsche Hochschulsystem macht ihr zu schaffen – zu viel Lehre bei zu wenig Zeit. Miranda Schreurs über gute Ratschläge, neue Herausforderungen und Berliner Leitungswasser. Das Gespräch führten Anchalee Rüland und Michael Wingens.

Foto: Cora-mae Gregorschewski

Frau Schreurs, ihr Lebenslauf liest sich wie eine Weltreise – USA, Japan, Niederlande und eine Odyssee kürzerer Zwischenstopps in Südasien. Wieso sind Sie gerade in Berlin hängen geblieben?

Wegen des Wetters (lacht). Nein im Ernst. Ich denke, Berlin ist zur Zeit einer der spannendsten Plätze für meinen Forschungsbereich, also Umweltpolitik. Der wissenschaftliche Diskurs ist in Deutschland sehr lebendig. Das macht Berlin zu einem spannenden Ort für mich. Außerdem ist das Forschungszentrum für Umweltpolitik international sehr gefragt, sodass sich hier viele renommierte Experten sammeln.

Sie haben in den unterschiedlichsten Ländern gelebt und gelehrt. Welche Erfahrungen machten Sie mit den verschiedenen Hochschulsystemen?

Die Unterschiede sind auf jeden Fall groß. Das Schwierigste am deutschen System ist der Umfang der Lehre und die Größe der Seminare. Die Zeit reicht nicht, um die Studenten kennen zu lernen und individuell mit ihnen zu arbeiten. Hier unterrichte ich fast drei Mal so viel wie in den USA. Wenn man dort ein Forschungszentrum leitet wie dieses hier, wird man, was das Lehrpensum angeht, entlastet. Das kennt man hier nicht. In Japan haben die Professoren sogar noch weniger Studenten: nur 40 bis 50 im Semester. Hier betreue ich 400 bis 500. Ich habe gar nicht die Zeit, eine gute Professorin zu sein, weil die Anforderungen an die Dozenten so hoch sind.

Auch die deutschen Studenten sind anders, als ich es aus den USA gewohnt bin. Sie wollen sehr genau wissen, was als nächstes passiert. Eine meiner ersten Lehrerfahrungen hat mir jedoch gezeigt, dass es wichtiger ist, flexibel auf das Weltgeschehen zu reagieren, als starren Lehrplänen zu folgen. Zur Zeit des Mauerfalls merkte ich, dass mein Lehrplan zum Ende des Semesters überhaupt keinen Sinn mehr machte.

Seit 2008 sind sie Mitglied des Netzwerks der Europäischen Umwelt- und Nachhaltigkeitsräte. Dieses Jahr wurden Sie Vorsitzende des Netzwerkes. Was genau ist die Aufgabe der Räte?

Es handelt sich um ein Netzwerk von Umwelträten in ganz Europa, das sich damit beschäftigt, Informationen über Umweltprobleme und Umweltpolitiken auszutauschen. Wir fragen uns, was getan werden kann, um Regierungen besser darauf vorzubereiten, mit Umweltthemen umzugehen.

Die Europäische Union und insbesondere Deutschland neigen dazu, sich als Paradebeispiele für gelungenen Umweltschutz zu präsentieren. Würden Sie dieser Einschätzung zustimmen?

Ich denke, dass diese Einschätzung in vielen Bereichen angemessen ist. Deutschland ist eines der Länder die sagen, dass die Frage nicht Ökonomie oder Ökologie lauten sollte, sondern eher, wie man diese beiden Bereiche miteinander verbinden kann. Es hat gezeigt, dass eine große Industrienation zugleich Vorreiter im Bereich der erneuerbaren Energie werden kann. Doch das bedeutet nicht, dass Deutschland in jedem Bereich führend ist. Schaut man sich um, sieht man zum Beispiel viele Leute, die, anstatt Leitungswasser, Wasser aus der Flasche trinken. – Wir nicht! – Okay, dann seid ihr die Ausnahme (lacht).

Die deutschen Medien verurteilen oft und gerne die USA und China, diese würden weitreichende Umweltabkommen blockieren. Ist das angemessen?

Die Landesregierungen der einzelnen US-Staaten waren nicht sonderlich gut darin, Gesetze gegen den Klimawandel oder für Biodiversität zu verabschieden. Somit haben sich die USA auf internationaler Ebene ein ziemlich schlechtes Image zugelegt.

Auf lokaler Ebene tut sich hingegen einiges – Kalifornien ist beispielsweise Deutschland sehr ähnlich. Es gibt viele Projekte im Bereich des Umweltschutzes und der Umwelteffizienz, führende ökologische Technologien, eine „grüne“ Bevölkerung, sie fahren Fahrrad oder surfen. Aber im Gegensatz zu den USA, drängt die EU auf mehr.

China hingegen zeigt ein gemischtes Bild. Negativ betrachtet, kann man die enorme Umweltverschmutzung aufzeigen, die schlechte Wasserqualität oder die Anzahl der Menschen, die aufgrund von Luftverschmutzung sterben – überall gibt es Probleme. Wechselt man hingegen die Sichtweise, dann ist China weltführend in der Windrad-Produktion, stellt 77% aller solarbetriebenen Heizanlagen her und hat festgelegt, dass in Zukunft es im Bereich der erneuerbaren Energie und der grünen Technologie weltführend werden möchte.

Sie sind Bürgerin der Vereinigten Staaten, beraten jedoch die deutsche Bundesregierung im Sachverständigenrat für Umweltfragen. Falls Sie die Möglichkeiten hätten, der Regierung der USA einen Ratschlag zu erteilen, wie würde der aussehen?

Eine interessante Frage. Ehrlich gesagt, berate ich die US-Regierungen auch von Zeit zu Zeit (lacht). Ich würde sagen, dass die USA auf den Feldern des Kampfes gegen den Klimawandel und der Biodiversität eine führende Rolle einnehmen müssen. Führend bedeutet, starke föderale Richtlinien festzusetzen, um die richtige Botschaft an andere Länder zu senden.

Als Sie Ihre Arbeit an der Freien Universität begannen, gaben Sie dem Tagesspiegel ein Interview in dem Sie sagten, die FU Berlin sei Ihr „place to be“.  Ist das auch heute noch der Fall?

Ja, absolut. Ich mag es hier sehr. Die Studentinnen und Studenten tragen so einen Funken in sich. Sie sind interessiert, sie stellen Fragen, sie protestieren und fordern heraus – das zeigt mir, dass sie sich kümmern, dass sie engagiert sind und sie Dinge verbessern wollen. Ich halte die Studentenschaft hier in vielen Fällen für sehr gut, auch wenn sie nicht gerne lesen. Sie sind vielsprachig, international und sie sind engagiert auch außerhalb der Universität – alles in allem eine Studentenschaft, mit der man sehr gut zusammenarbeiten kann.

Frau Professor Schreurs, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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