„Reaktionärer Kirchgänger-Country“ | FURIOS Online
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„Reaktionärer Kirchgänger-Country“

Bernd Ladwig, Professor für Moderne Politische Theorie am Otto-Suhr-Institut, im Gespräch über Vegetarismus, das politische Klima an der FU und seine Vorliebe für Country-Musik. Das Gespräch führten Nils Altland und Hendrik Pauli.

Foto: Cora-mae Gregorschewski

Herr Prof. Ladwig, Sie haben sich lange mit ethischen Fragen des Tierrechts beschäftigt, und arbeiten im Moment an einer Monographie zum Thema „Menschenrechte und Tierrechte“. Zuletzt haben Jonathan Safran Foers „Tiere Essen“ und der Dioxin-Skandal die Debatte um Vegetarismus wieder entfacht.  Essen Sie eigentlich Fleisch?

Nein. Auch keinen Fisch.

Wie sind Sie zu dieser Entscheidung gekommen?

Wir Menschen teilen fundamentale Interessen mit Tieren, zum Beispiel das Bedürfnis nach Geselligkeit, den Bewegungsdrang oder auch das Interesse, nicht vorzeitig zu sterben. Das Argument, Fleisch sei nun einmal ein Genuss, ist zu schwach, weil unsere Freude am Fleischverzehr ein reines Luxusinteresse ist, während für Tiere buchstäblich alles auf dem Spiel steht. Diese intellektuelle Begründung für den Vegetarismus ist eigentlich leicht nachzuvollziehen. Ich selber habe dafür allerdings einige Zeit gebraucht. Zunächst habe ich mich dafür entschieden, nur Fleisch aus artgerechter Tierhaltung zu essen. Als ich dann während meiner Zeit in Magdeburg ein Seminar zum Thema Tierrechte gegeben habe, erschien mir das inkonsequent. Seitdem bin ich Vegetarier.

Leben sie auch vegan?

Nein. Zwar finde ich zentrale Argumente für den Veganismus überzeugend, allerdings ist eine vegane Ernährung mit einigem Verzicht und recht großem  sozialen und informationellen  Aufwand verbunden. So weit bin ich jedenfalls derzeit noch nicht. Allerdings ist mir klar, dass man mir deshalb eine gewisse Inkonsequenz vorwerfen könnte.

Lassen Sie uns über Hochschulpolitik reden. Im Studierendenparlament gibt es eine neue Liste mit dem provokanten Namen „Gegen die Veggie-Mensa“ Für deren Vertreter ist Fleischkonsum eine Form der Selbstbestimmung, genauso wie Rauchen oder Trinken. Sie haben auf Anhieb zwei Mandate errungen.

Das hätte ich jetzt nicht gedacht, aber hier liegt ein Fehler vor: Wenn ich rauche oder trinke, schade ich primär mir selbst. Fleisch zu essen bedeutet dagegen eine Fremdschädigung tierischen Lebens. Dass der Protest gegen das vegetarische Essen so groß ist, war mir nicht bewusst. Einige Änderungen in den Mensen halte ich jedenfalls für absolut geboten, wie etwa eine Verbannung von Fleisch aus industrieller Massentierhaltung. Prinzipiell habe ich allerdings Verständnis für eine Auflehnung gegen übereifrige Verbote. Das Rauchverbot in Bayern zum Beispiel geht zu weit. Es ist wichtig, Toleranz als Grundhaltung zu wahren – aber eben nicht auf Kosten der moralischen Rechte anderer Lebewesen.

Aufmerksamkeit für studentische Politik zu erzeugen ist ohnehin schwer. Die Wahlbeteiligung bei den StuPa-Wahlen war sehr gering, seit dem Bildungsstreik 2009 hat sich bei den studentischen Protestbewegungen nicht mehr viel getan. Was halten Sie von der politischen Kultur an der FU?

Ich kann mich nur zu dem äußern, was am Otto-Suhr-Institut läuft, an anderen Fachbereichen kenne ich mich nicht aus. Mit Sicherheit aber ist seit dem Weggang Dieter Lenzens ein geringeres Maß an Polarisierung zu spüren. Sein Nachfolger Peter-André Alt scheint die Gemüter nicht mehr so zu erhitzen. Außerdem, das ist jetzt allerdings ein Gemeinplatz, lässt sich ein erhöhtes Maß an Pragmatismus unter den Studierenden feststellen. Viele meinen, sie müssten ihr Studium möglichst straff absolvieren. Und diese Stimmung wird sicherlich durch neue Strukturen und Studiengänge begünstigt.

Sie haben in den späten Achtzigerjahren ihr Studium am Otto-Suhr-Institut begonnen. Was tat sich damals hier?

Das OSI war seitens der politisch aktiven Studierenden immer links oder jedenfalls linksliberal dominiert. Einige der Listen, die heute im StuPa sitzen, gab es zu meiner Zeit auch schon. Allerdings existierte eine größere autonome Szene, die das Stimmungsbild maßgeblich beeinflusste und die heute nahezu verschwunden ist. Die personelle Ausstattung des Instituts war sehr viel besser als heute. Trotzdem gab es teilweise recht heftige Proteste. 1988 haben wir das OSI über mehrere Monate hinweg komplett besetzt. Die Dozenten konnten nicht in ihre Büros, der Lehrbetrieb fiel aus, Abschlussprüfungen wurden blockiert. In den folgenden Jahren, vor allem nach dem Fall der Mauer, erfolgten dann Einschnitte, die das OSI und die FU viel härter trafen, als wir uns das zuvor hatten vorstellen können.  Die FU fand sich plötzlich in einen Konkurrenzkampf mit der Humboldt-Universität verstrickt. Lange Zeit war wohl wirklich nicht klar, ob es im geeinten Berlin drei große Universitäten geben würde.

Eine persönliche Frage: In einer Vorlesungen haben Sie sich einmal als großer Verehrer der amerikanischen Country-Legende Johnny Cash geoutet. Darum würden Sie sich auch kleidungstechnisch am „Man in Black“ orientieren. Was fasziniert Sie an dieser Person?

Cashs Musik erschien mir lange Zeit als Inbegriff der Peinlichkeit, als reaktionärer Kirchgänger-Country. Ich habe auch erst spät angefangen mich für Cash zu interessieren, mit seinen American Recordings. Da habe ich erst gemerkt, was für ein großartiger, kraftvoller Musiker er war. Und dabei war er schon ein von Krankheit gezeichneter alter Mann. Cash ist eine spannende Persönlichkeit. Für mich verkörpert er die Ambivalenz der ganzen USA. Er war ein glühender Patriot, der sich lange Zeit scheute, Kriegseinsätze öffentlich zu kritisieren, weil er den kleinen Soldaten nicht in den Rücken fallen wollte. Gleichzeitig hat er sich für die Verlierer der Gesellschaft eingesetzt, für Indianer oder Strafgefangene zum Beispiel.

Wenn man Ihnen zuhört, fällt auf, dass Sie in Ihrem Sprachduktus Herfried Münkler, Ihrem Doktorvater, ähneln.

Das überrascht mich jetzt etwas. Mein rhetorisches Vorbild war eher Rudi Dutschke. Der sprach immer druckreif. Ich dachte außerdem, dass ich in meinem Habitus viel von Axel Honneth übernommen hätte, und der wiederum viel von seinem Lehrer Jürgen Habermas. Aber den Vergleich mit Münklers rhetorischen Fähigkeiten fasse ich jetzt mal als Kompliment auf. Ich hoffe nur, dass ich meine Eitelkeit etwas besser verstecke.

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