Vorweihnachtlicher Innovationsoptimismus | FURIOS Online
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Vorweihnachtlicher Innovationsoptimismus

Kristallkugeln oder Christbaumkugeln? Rebecca Ciesielski nutzte die Vorweihnachtszeit für einen Blick in den neuen Masterstudiengang „Zukunftsforschung“.

Illustrationen von Cora-Mae Gregorschewski


Auf dem massiven, raumfüllenden Holztisch in dem kleinen Seminarraum des erziehungswissenschaftlichen Instituts in der Arnimallee liegen frische Tannenzweige, die mit überdimensionierten Christbaumkugeln dekoriert wurden.  Auf einem der Fensterbretter sind Lebkuchen, Salzstangen und sonstige Kalorienspender, die vorweihnachtliche Stimmung verbreiten, aufgeschichtet.
Die hier herrschende, beschauliche Atmosphäre passt gut zum winterlich verschneiten Bild auf der anderen Fensterseite. Ein erster positiver Eindruck, den man als Durchschnittsbachelorstudentin von Durchschnittsbachelorvorlesungen eher nicht gewöhnt ist. Rund 15 Studenten haben sich an diesem Dienstagnachmittag hier eingefunden, um an der Ringvorlesung des weiterbildenden Masterstudiengangs „Zukunftsforschung“ teilzunehmen.
Der Studiengang, der erst in diesem Wintersemester anlief, ist eine der jüngsten Errungenschaften der FU. Er ist im deutschsprachigen Raum bislang der einzige mit dieser inhaltlichen Ausrichtung. Ähnliche Studiengänge findet man auf der ganzen Welt nur an ungefähr 50 anderen Universitäten, zum Beispiel an der Moscow State University und der University of Hawaii.

Für jedes Aushängeschild das passende Zitat

Bereits 1516 veröffentlichte der englische Gelehrte Thomas Morus ein Buch mit dem Titel „Utopia“ und 1943 wurde der Begriff der „Futurologie“ von dem Politikwissenschaftler Ossip Kurt Flechtheim erstmals eingeführt, die ihre ersten konkreten Anwendungen nach 1945 fand – unter anderem zur Klärung der Frage, was mit den Kriegsverlierern Deutschland und Japan langfristig geschehen solle. Als ordentliche Wissenschaft dürfte diese Disziplin aber erst seit Ende der 60er gelten, nachdem sich übergeordnete Organisationen wie die World Future Studies Federation und die Association of Professional Futurists gegründet hatten.
Über die Internetseite des „Institut Futur“ erfährt man die groben Eckdaten zu diesem neuen Studium. Als erstes fällt ein Zitat von Willy Brandt ins Auge, das programmatisch für das Fach zu sein scheint: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten“. Auch der sonstige Internetauftritt lässt kaum Zweifel daran, dass dieser „weiterbildende Masterstudiengang“ nicht einfach eine Bereicherung des Fächerkanons darstellen soll, sondern auch als (künftiges) Aushängeschild der FU initiiert wurde.
Dementsprechend nennen sich die angeführten Methoden „Delphi-Technik“ oder „Cross-Impact Analyse“. Die Ziele sind mindestens inter-, manchmal sogar „transdisziplinär“  und die Partner aus den unterschiedlichsten Bereichen, aus verschiedenen universitären Kontexten und natürlich aus der Praxis. Da der Studiengang den Erziehungswissenschaften angegliedert ist, hat Prof. Dr. De Haan die Institutsleitung inne. Er ist seit 2004 Vorsitzender des deutschen Nationalkomitees der UN-Dekade zur „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und war außerdem fünf Jahre lang Vorsitzender der „Kommission Umweltbildung“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften. Wie erwartet gibt es diese Professionalitätsdosis keineswegs umsonst. Der Homepage zufolge belaufen sich die Studienkosten auf 1300 Euro pro Semester.
Dennoch: bei näherer Beschäftigung mit der Seite, die komplett in lindgrün gehalten ist, lässt sich nicht leugnen, dass es sich zwar tatsächlich nicht nur um ein weiteres Fach auf Augenhöhe mit prähistorischer Archäologie zu handeln scheint, aber der zunächst gehegte Verdacht bleibt unbestätigt. Auch in diesem Studiengang geht es vor Allem um Forschung und Diskurs und nicht um universitäre Außenwirkung.

Nette Vorstellungsrunden und fragwürdige Projekte

Die Vorlesung beginnt vorlesungsuntypisch mit einer entspannten Vorstellungsrunde. Es sind überwiegend junge Studenten, die nun kurz ihren Namen und ihren universitären, oder  seltener, ihren beruflichen Werdegang umreißen. Die meisten haben ihren Bachelor in der Tasche und schließen dieses Studium, wie jeden anderen Masterstudiengang daran an. Das Spektrum reicht von zwei ehemaligen Psychologiestudenten, über einen Humangeografiestudenten, einen Islamwissenschaftler und sonstigen Gesellschafts- und Geisteswissenschaftler bis hin zu einer ehemaligen Studentin der Ingenieurwissenschaften.
Nur zwei der Masterstudenten, ein Jurist und ein ehemaliger Apple-Mitarbeiter, haben bereits Jahre im Berufsleben verbracht.
Auch die beiden Referenten, Helga Jonuschat und Timon Wehnert vom „Institut für Zukunftsforschung und Technologiebewertung“ (IZT), stellen sich vor und erläutern einige der Arbeitsfelder des Instituts. Dessen Projekte nennen sich „DENK“, „cleanER-D“ oder „BewareE“  und beschäftigen sich mit Themen wie Mobilität, Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung. Den Referenten zufolge liegen die Institutsaufgabenfelder hauptsächlich im Bereich der angewandten Forschung und Beratung.
Das zunächst geweckte Interesse, bekommt jedoch einen bitteren Beigeschmack, als wir erfahren, dass es das Institut mit der moralischen Bewertungen in eigener Sache manchmal weniger genau nimmt. Helga Jonuschat erzählt der Runde, ohne genauere Details zu nennen, von einem Projekt, das von der Bundeswehr in Auftrag gegeben wurde. Dabei ging es im Grunde um eine effizientere Tötung bei Auslandseinsätzen. Auf Nachfrage hin erfahren wir, dass sich das IZT nicht an diesem Projekt beteiligt habe. Grund dafür waren aber keineswegs aufkommenden moralischen Bedenken, sondern der Umstand, dass sich die Bundeswehr letztlich doch für einen anderen Projektpartner entschied.

Ein ewiger Praktikant und bereichernde Unterschiede

Nach der Vorstellungsrunde bekommen wir die Aufgabe, uns mit Hilfe von bunt verpackten Schokowürfeln kleineren Arbeitsgruppen zuzuordnen. Ich werde gleich in das Geschehen involviert und darf zum Thema „Wie wird Technik entwickelt?“ mitdiskutieren. Sogar der Inhalt der deckenhohen Regale, die Bücher zum Thema „Visionen“ ebenso beinhalten, wie zum Thema Biotechnologie, scheint das breitgefächerte Inhaltsspektrum des Studiums widerzuspiegeln. Eine Vielfältigkeit, die auch bei den Studierenden  und deren Wortbeiträgen immer wieder erkennbar wird. Dass dieser Umstand in den meisten Fällen eine Bereicherung darstellt, wird besonders bei der Präsentation der Gruppenergebnisse deutlich. Bei dieser lassen sich die Kurzvorträge intuitiv den Fachrichtungen der Präsentierenden zuordnen. Manche Ansätze sind deutlich psychologisch, manche eher philosophisch angehaucht und eine der Präsentationen ist sogar mit Apple-Insider-Anekdoten gespickt. Somit erfahren wir nicht nur etwas über Bedürfniserzeugung, sondern auch darüber, dass das iPad bereits langfristig geplant war, man den Verbrauchern die komplizierten Touchscreengesten aber nicht ohne Vorbereitung zutraute. Deshalb wurden zunächst iPhone und Co. auf den Markt geworfen, bis dieser endlich bereit schien für das Schwierigkeitslevel der iPad-Bedienung.
Erst in der letzten halben Stunde folgt dann doch noch etwas theoretischer Input zum zuvor diskutierten Thema Technikentwicklung. Trotzdem kommt nicht das Gefühl auf mit verstaubten Theorien zu hantieren. Nein, die hier erläuterten Finger- oder besser Gedankenübungen tasten direkt nach dem Gegenwartspuls. Erneuerbare Energien, Infrastrukturinnovationen, Stadtkonzepte. Gefühlte achtzig Mal fällt das Wort „Technologie“. Passend dazu ist der Vortrag mit ungebrochenem Fortschrittsoptimismus durchtränkt. Unter anderem wird das Beispiel der grünen Gentechnik angeführt, der man nicht kategorisch abgeneigt zu sein scheint. Doch ist das Argument der Eisenbahnerfindung, die von den Innovationskeptikern des 19. Jahrhunderts als gesundheitsgefährdend eingestuft wurde, tatsächlich geeignet, um auch diese Neuerung zu legitimieren? Natürlich führen Geschwindigkeiten über 30km/h nicht zum automatischen Ableben. Aber besteht bei beiden Innovationen tatsächlich die von Helga Jonuschat und Timon Wehnert beschworene Parallele? Ist es wirklich möglich mit Hilfe früherer Technologien, die erst als gefährlich eingestuft wurden und dann doch keinen Schaden angerichtet haben, jede künftige Innovation pauschal gutzuheißen? Fragen, die für mich auch nach Ende der Vorlesung ungeklärt bleiben.
In der Pause komme ich noch kurz ins Gespräch. Der Jurist erzählt mir, dass es sich bei diesem Master „mehr um ein Vollzeitstudium, als um den ausgewiesenen Teilzeitstudiengang handelt“. Dieses zu studieren wäre ihm ohne die Unterstützung seines fünfköpfigen Kanzleiteams wohl nicht möglich. Trotzdem mag er das Studium sehr. Besonders freut er sich auf das Pflichtpraktikum im dritten Semester. Er ist schon richtig gespannt darauf, ein ihm unbekanntes Unternehmen mal wieder aus Praktikantensicht entdecken zu dürfen.

Es bleibt zu hoffen, dass die, die hier zu Beratern künftiger Entscheidungsträger ausgebildet werden, auch den Mut haben, aus moralischen Erwägungen Projekte abzulehnen. Wie bei besagtem Bundeswehrauftrag kann es zu Situationen kommen, bei denen die erstellten Analysen dazu führen können, dass Menschen oder die Umwelt Schaden nehmen. Trotzdem braucht es Experten, die sich fundiert mit Entwicklungen auseinandersetzen, die für unsere Zukunft bestimmend sind. Hätte es solche Analysen nach der Besatzung Deutschlands durch die Alliierten nicht gegeben, wäre Deutschland womöglich zum Agrarstaat degradiert worden.
Aufgrund der damaligen Analysen entschied man sich letztlich doch dazu, Deutschland wirtschaftlich und politisch zu unterstützen, um es möglichst bald in die Gemeinschaft demokratischer Staaten aufnehmen zu können. Bereits diese Analysen fanden unter Anwendung von Simulationen und Delphi-Studien statt, die auch heute noch zentrale Instrumente der Zukunftsforschung darstellen.

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