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Russisch mit Rustam

Zwischen Kippen und Stacheldraht – Die Initiative Deutschunterricht gibt Flüchtlingen einen Crashkurs in Deutsch. Ein Erfahrungsbericht von Michael Wingens.

Foto: Freya Fluten

In dem langen Gang, einer Mischung aus Krankenhaus und preußischer Oberschule, riecht es unangenehm nach kaltem Rauch. Die Kippen auf dem Boden versuche ich zu ignorieren. Ich dachte zu wissen, was mich erwartet. Tatsächlich hatte ich keine Vorstellung von all dem,  als mich eine Kommilitonin auf die „Initiative Deutschunterricht“ aufmerksam machte.

Das Erstaufnahmelager Motardstraße ist nicht gerade ein Prestige-Objekt Berlins. In den hässlichen Plattenbauten mit Minimaleinrichtung sollen die Vertriebenen für die ersten drei Monate „zwischengelagert“ werden – so lange, bis sie ihren offiziellen Asylantrag gestellt haben. In der Realität hausen dort manche Großfamilien bereits seit über einem Jahr ohne Aussicht, diesen unwürdigen Bedingungen zu entkommen.

Im „Klassenraum“ warten bereits drei Mütter mit ihren Kleinkindern auf uns. Jede hat ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht. Auch die anderen Bewohner, denen wir im Gang begegnen, grüßen uns mit ehrlichem Lachen und einem festen Handschlag. Es sind die Bewohner, die diesem üblen Ort einen herzlichen Anstrich verpassen – trotz ihrer misslichen Lage.

Im Klassenraum geht alles ganz schnell. Einige der Studenten setzen sich zu ihnen bekannten Gesichtern, schließlich existiert das Projekt bereits seit einer Weile: 2001 wurde es von einer Gruppe von Ethnologiestudenten gegründet. Ich als Neuling stehe erst einmal im Raum herum, bis ich Rustam bemerke.

Rustam ist Tschetschene, 34 Jahre alt, Vater von fünf Kindern und über Polen nach Deutschland geflohen. Eine halbe Stunde dauert es, bis ich so viel von ihm weiß. Es ist wohl sein erster Unterricht, zumindest glaube ich das. Er versteht kein Wort. Als ich ihn langsam auf Deutsch anspreche, schaut er mich zuerst zweifelnd an, um sich dann eingeschüchtert und betreten dem Tisch zuzuwenden. Die Situation ist unangenehm.  Schließlich zeige ich auf mich und sage langsam: „Ich bin Michael“. Ich wiederhole das Ganze einige Male, bis er begreift: „Ich bin Rustam“. Das Eis ist gebrochen – plötzlich fallen auch Rustam einige wenige deutsche Wörter ein, die er wohl während der letzten Wochen aufgeschnappt hat. Stolz zählt er bis zehn und grinst mich an.

Bitter, denke ich mir. Das letzte Mal, als mir stolz jemand vorgezählt hat, war dies ein geistig behindertes Kind während meines Zivildienstes – jetzt sitzt ein 34-jähriger, kräftiger Mann vor mir, der wahrscheinlich schon mehr vom Leben gesehen hat, als ich jemals sehen möchte und  schaut genauso angestrengt auf seine abgezählten Finger wie das Kind damals. Trotzdem erkenne ich den gleichen Stolz in seinen Augen.

Wir machen weiter, jeder mit einem weißen Blatt vor sich auf dem Tisch. Ich schreibe deutsche Begriffe auf und gebe Rustam zu verstehen, dass ich von ihm das russische Pendant lernen möchte. Zuerst ist er zaghaft, wiederholt nur mein Deutsch. Dann bitte ich ihn, die Namen seiner fünf Kinder aufzuschreiben. Fein säuberlich notiert er ihre Namen und ihr Alter auf sein Blatt und liest mir jeden einzelnen vor. Ich erkläre ihm die Wörter „Junge“, „Mädchen“, „Mann“ und „Frau“. Genauso langsam und geduldig spricht er mir die jeweilige russische Übersetzung vor. Aus der unangenehmen Schüler-Lehrer-Situation wird Kommunikation zwischen Gleichgestellten. Wir sind beide wissbegierig, schreiben drei Seiten voller Sätze und Wörter. Mit unserem Lachen ziehen wir die Blicke der anderen auf uns und gelangen am Ende zu dem Satz, den wir aus mehreren mühsam erlernten Einzelbegriffen bilden: „Ich fahre mit dem Auto nach Deutschland.“ – „Ja jedo na machina Germani“. „Lang“, sage ich, und deute auf den ersten Satz. „Dlinni“, sagt er und nickt. „Kurz“ – „karotki“ – wir verstehen einander.

Zwei Stunden sind wie im Flug vergangen. Rustam schüttelt  mir lange und herzlich lachend die Hand. Schließlich sagt er „Dankeschön“. Seine Schüchternheit vom Anfang ist wie weggeblasen. Ich grinse, klopfe ihm auf die Schulter, hebe den Daumen und sage: „Pajalustra“ – „Bitteschön“.

Auf dem Weg zur U-Bahn bin ich gerührt. Ich habe das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles getan zu haben. Als ich nur sieben Haltestellen später in meiner Straße ankomme, im „normalen“ Berlin, bin ich auch ein wenig bedrückt. Es ist ein Berlin, das ich frei und beliebig betreten, aber auch wieder verlassen kann, ganz wie es mir gefällt. Diese Wahl hat Rustam nicht. In diesem Moment sitzt er wohl in einem kleinen, unpersönlichen, engen Raum mit seiner Frau und seinen fünf Kindern zusammen und wiederholt immer wieder „Hallo“ – „Wie geht es dir?“. Vielleicht werden ihn diese paar Worte den Weg ins richtige Asylheim, sogar ins Sozialamt und in eine Berliner Wohnung führen. Vielleicht hat er dann wirklich Grund, von ganzem Herzen „Dankeschön“ zu sagen.

Bis dahin werde ich ihn begleiten. „Vtornik“ – bis nächsten Dienstag, sagte ich, und er nickte.

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