Gutes Gewissen für 30 Cent | FURIOS Online
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Gutes Gewissen für 30 Cent

Statt frei gehandeltem Kaffee bietet das Studentenwerk in den meisten Cafeterien seit diesem Semester nur noch Fair-Trade-Kaffee an. Ein Zeichen für Solidarität mit den Schwächsten? Eher für ausgesprägtes Profitstreben, findet Henrike Fogel.


„Ei! wie schmeckt der Coffee süße/Lieblicher als tausend Küsse/Milder als Muskatenwein./Coffee, Coffee muss ich haben/Ach, so schenkt mir Coffee ein!“

So beschreibt das Liesgen aus der Kaffeekantate ihre Liebe zum Kaffee – und versucht, sich dem Kaffeeverbot ihres Vaters Schlendrian zu widersetzen.
Auch die meisten von uns Studierenden sind ohne die allmorgendliche Dosis zu wenig zu gebrauchen. Verweise auf gesundheitsschädigende Wirkung lassen uns kalt. Allenfalls das Wissen um das Machtgefüge im globalen Kaffeehandel kratzt am Selbstverständnis des Gutmenschen. Der afrikanische Kleinbauer soll möglichst nicht unter unser westlichen Konsumlogik leiden. Das Angebot von fair gehandelten „Kaffeespezialitäten“ aus „kontrolliert biologischem Anbau“ an der Kaffeebar kommt uns da gerade recht.

Das Studentenwerk hat aus unserem moralischen Dilemma ein Marktsegment gemacht – mit satten Gewinnmargen. Ein Becher Fair-Trade-Kaffee der Marke Tchibo ist für 80 Cent zu haben. Der neokoloniale Ausbeuter-Kaffee kostet weiterhin 50 Cent, maximal 6 Cent davon das Kaffeepulver. „Höherwertiger“ nennt Hans Joachim Gabriel, Bereichsleiter Mensen beim Studentenwerk, sein neues Angebot. Gewinnbringender wäre die treffendere Beschreibung. Seine Einkaufspreise will Gabriel lieber nicht nennen. Doch es ist klar: Der Kleinbauer aus Afrika, der uns glücklich von den Werbeplakaten angrinst, profitiert kein Stück von den Zusatzeinnahmen.

Statt durch Kaffeekonsum die Welt zu verbessern, verbessern die Wohlgesinnten in erster Linie also die Geschäftsbilanz des Studentenwerks. Und wir ewigen Konsumkritiker lassen uns ganz unkritisch dafür einspannen. Die Ablasshändler an der Kaffeebar zeigen uns wie’s geht. Statt einer Extraportion Arabica gibt es eine Extraportion gutes Gewissen. Kaffee als Wohlfühl-Droge. Legitimiert durch Bio-Siegel und Fair-Trade-Logo.

Bei Fair Trade sind Marktmechanismen übrigens bewusst außer Kraft gesetzt. Den Kaffeebauern sind Mindestpreise garantiert. Eine Idee, die einst in den Erzeugerländern nachhaltige Landwirtschaft ermöglichen sollte, ist bei uns zum Marketing-Gag verkommen. Für Paul Collier, den Ökonom und Afrikaexperten aus Oxford, ist Fair Trade ohnehin nur „ein Instrument der Wohltätigkeit.“ Es setze den Bauern Anreize, ihre armutsfördernde Produktion fortzuführen. Eine Provokation für den verantwortungsvollen Kaffeegeniesser aus Dahlem.

Wer an solchen Widersprüchen und deren moralischer Bürde verzweifelt, kann es wie Bachs Liesgen mit einer Täuschung versuchen: Für die Erlaubnis zu heiraten verspricht sie dem alten Schlendrian das Kaffeetrinken aufzugeben. Was sie ihrem Vater verschweigt: Sie wird nur einen Mann heiraten, der ihr das Kaffeetrinken in der Ehe gestattet.

Wen wollen wir täuschen: das moralvergessene Liesgen in uns oder den tugendsamen Schlendrian? Oder gar beide? Darüber lohnt es sich nachzudenken – nicht nur einen Kaffee lang.

9 Kommentare

  • Schöner Bericht, voll von Halbwahrheiten und ist dazu noch für den Schreiber eine gute Reverenz sich mal bei einem Revolverblatt zu versuchen!

  • Meiner Meinung nach verfehlt der Kommentar sein Ziel, weil er sich selbst nicht entscheiden kann, auf welcher Ebene er kritisieren (oder besser seinen Ärger auslassen will). Natürlich kann man darüber diskutieren, ob der Zwang zu Fairtrade an der Kaffeebar kritikwürdig ist, oder ob man in die Mensa geht und dort für 50 Cent kauft. Das man vom „Gewinnstreben“ des Studentenwerks gleich zur Globalkritik des Fairen Handels kommt, ist für mich wenig nachvollziehbar. Paul Collier hat als „Ökonom“ nicht die Interessen des Einzelnen, sondern den Gewinn von Volkswirtschaften im Auge. Dementsprechend verkommt der Kommentar dann auch zu einem Propagandablättchen für die freie Marktwirtschaft – nach dem Motto: „Versuchen wir es doch einfach Mal.“ Schließlich setzt Collier in seinen Ausführungen auch auf massive Militärpräsenz in den Armutsländern, um die politische Stabilität zu sichern. Die Furios ringt offensichtlich noch immer um ihre Darstellung und arbeitet sich dabei am linken Feindbild ab („Gutmenschen“, „wir ewigen Konsumkritiker etc.). Mir scheint gelegentlich, dass Blättchen versucht sich als äußerster Gegenpol der „Out of Dahlem“ zu generieren. Könnte man im nächsten Kommentar nicht Pro „Atomstrom“ für die Freie Universität diskutieren? Und zum Autor selbst: Umso länger ich darüber nachdenke, desto furchtbarer finde ich es, wie hier versucht wird den Leser zu belehren und die eigene Überlegenheit im Denken darzulegen.

  • Nachtrag: Ich ändere die Formulierung „zum Autor“ zu „zur Autorin“. Am Rest halte ich fest.

  • Schön, dass mein Kommentar auf Resonanz stößt und ich offenbar einen Anreiz zum kritischen Nachdenken gesetzt habe.

    Ich bitte Herrn Gabriel, die von ihm betitelten „Halbwahrheiten“ zu markieren und der „Wahrheit“ durch ausführliche Rechnung zur Zusammensetzung des Preises für den Fair-Trade Kaffee auf die Schliche zu kommen! Sicherlich ist der Gewinn des Studentenwerks noch sehr viel höher, als gedacht?

    Viele Grüße,
    Henrice

  • eine beispiel preiszusammensetzung für den fair-handels-kaffee der gepa gibts hier:

    http://www.gepa.de/p/index.php/mID/4.2/lan/de/xtra/5e272ea6465f8733ad742f7300d3bd3a/msg/86d3758c120f785e5e98a40120e64545/itt/Wie_setzt_sich_ein_fairer_Preis_zusammen/index.html

    natürlich ist fairer handel eine art „spende“ – was soll aber daran schlecht sein? warum können probleme nicht von mehreren seiten gleichzeitig angegangen werden? warum soll fairer handel nicht eine solche mögliche seite sein? der artikel bleibt diffus.

  • Klar ist Fair-Trade-Kaffee teurer, weil die Erzuger mehr bekommen. Was ist daran falsch, wenn Menschen für ein gutes Gewissen dazu bereit sind, mehr zu zahlen? Es mag ja sein, dass Gewinnmargen bei fair gehandeltem Kaffee noch höher sind, aber das ändert doch nichts daran, dass eine wesentlich bessere Bezahlung für die Bauern erfolgt.

  • Hallo liebe Kritiker!
    Die Hintergründe und Implikationen von Fairtrade sind nicht immer jene, die vom Wohlfühl-Marketing vorgeschoben werden.
    Eine einfache Rechnung soll veranschaulichen, wie sich die Gewichte Verlagern:

    Die Zubereitung einer Tasse Kaffe benötigt ca. 7 gramm Kaffee.

    Ein Pfund Kaffee reicht demnach für über 70 Tassen.

    Günstig eingekauft kostet das Pfund ca. 4 €.

    Preis pro Tasse: ca. 5 Cent.

    Wie entwickelt sich der Preis, wenn wir Fairtrade-Kaffee kaufen?

    Wir veranschlagen 8 € das Pfund, im günstigen Fall auch weniger. Eine Verdopplung des Einkaufspreises, unsere Tasse Kaffee kostet nun 10 Cent.

    Der Einkauf für das Studentenwerk erhöht sich also um 5 Cent pro Tasse. Der Preisaufschlag beträgt jedoch 30 Cent. Die Frage, die es sich zu stellen lohnt, ist dabei, was mit den 25 Cent Marge pasiert. Diese werden vermutlich nicht dem Kaffeebauern gutgeschrieben.
    Im besten Fall spendet der wohlmeinende Kaffeegenießer also 5 Cent an den Bauern und 25 Cent an das Studentenwerk.

    Nebenbei gibt es nicht an allen Einrichtungen des Berliner Studentenwerks die Wahlmöglichkeit zwischen Fairtrade und normal, oft wird nunmehr ausschließlich Fairtrade angeboten. In der Summe dürfte sich ein kräftiger Zugewinn ergeben.

    Das Studentenwerk ist natürlich angewiesen, wirtschaftlich zu handeln, um die öffentlichen Zuschüsse nicht zu überreizen. Eine derartige Preiserhöhung muss daher im Lichte der generellen Kostenverlagerung vom Staat auf den Bürger gesehen werden, siehe auch Preisentwicklung des Semestertickets. Fairtrade ist hierbei nur das Feigenblatt.

    Lieben Gruß auch an Herrn Gabriel

  • 1. Natürlich ist der Zwang zum Kauf von Fair-Trade- Kaffees kritikwürdig, insbesondere, da hier Gewinnmaximierung durch Logo und Siegel legitimiert wird, wir also an der Nase herum geführt werden.
    Wozu fairer Handel, wenn er nicht fair ist, sondern lediglich als Legitimation für hohe Preise dient!

    Die kritische Betrachtung des „fairen Handels“ ist notwendig. Weder möchte ich das System „Fairer Handel“ schwarz malen, noch diesem System ohne jeglicher, tiefer gehenden Reflexion begegnen.
    Ich kritisiere ausdrücklich nicht den bewussten Konsum, jedoch die Bequemlichkeit so mancher Konsumenten, welche sich lediglich an Siegeln und Logos orientieren und die höheren Preise
    einfach akzeptieren, „da es ja für eine gute Sache ist“.
    Lässt sich der Gutmensch hier nicht bewusst täuschen, um nicht nur seinen übersteigerten (Kaffee-) Konsum zu legitimieren, sondern auch ein Stück seiner Verantwortung zu verlieren?

    Der an der Fu angebotene „Fair Trade“ Kaffee stammt von Tchibo, einem Konzern, der neben Fair Trade Kaffee nur allzu viele Produkte anbietet, die nicht fair gehandelt worden sind.
    Im Ausland vertreibt Tchibo nur Produkte ohne Siegel.
    Möchte man solch einen Konzern unterstützen?

    Die Furios hat übrigens weder ein „linkes Feindbild“, noch ringt sie um „ihre Darstellung“.
    Auch versteht sie sich nicht als Gegenpol zu irgendeiner anderen Zeitung.

    Weiterhin stelle ich folgende Thesen zur Diskussion:

    Bauern aus dem globalen Süden haben die Wahl: entweder, sie führen eine Farm, so wie die von der Moderne geplagten Menschen aus Deutschland es sich wünschen, lächeln freudig in Kameras, leben „in Harmonie mit der Natur“ oder sie haben keine Chance auf dem Weltmarkt.
    Gerecht wäre es, die Zollbarrieren der Industrieländer für fremde Produkte herunter zu schrauben, alle Produzenten aus Entwicklungsländern Zugang zu Märkten zu verschaffen und nicht nur privilegierten Wenigen, die Mitglied bei Fair Trade sind.

    Viel Spaß beim Nachdenken wünscht
    Henrice

  • Unter: http://www.fairtrade.de/index.php/mID/2.4/lan/de

    und dann „Kritische Fragen“ gibt es dazu auch ein passendes Statement einer Produzentin: „Der vereinbarte Mindespreis ist immer noch zu niedrig, um wirkliche Entwicklung zu ermöglichen.“

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