Ein Theaterstück für Bologna | FURIOS Online
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Ein Theaterstück für Bologna

Am Montag fand die lang angekündigte Bolognakonferenz statt. Auf ihr wollte Bildungsministerin Annette Schavan über Verbesserungen im Bachelor/Master-System diskutieren, doch leider geriet das Event zur Schmierenkomödie. Eine Zusammenfassung von Max Krause.

Bildungsgipfel mit Ministerin, aber leider ohne Ergebnisse Illustration: Max Krause

Bühne frei für die Anwesenheitsliste, dem Hassobjekt Nummer Eins der Studenten. Auch der Bolognagipfel kommt nicht ohne das papiergewordene Symbol für die Verschulung des Studiums aus. Vielen ist sie ein Dorn im Auge, kaum jemand hält sie für notwendig, doch abgeschafft wird sie trotzdem nicht. Aber erstmal der Reihe nach.

Auf der Konferenz sollten alle Anspruchsgruppen im universitären Bereich in den Dialog über die Zukunft der Studiums treten. An der FU können sich nur wenige für diese Idee begeistern. Dass sich zu Beginn der Veranstaltung um neun Uhr morgens, die live im Hörsaals C des Henry-Ford-Baus übertragen wurde, nur etwa zehn Personen eingefunden haben, mag einerseits der frühen Uhrzeit, andererseits auch dem offensichtlichen Desinteresse vieler Studierender geschuldet sein.

Was denen, die gekommen sind auf der großen Leinwand geboten wird, hat zwar wenig substanziellen Charakter, kann aber wenigstens mit einigen prominenten Darstellern der Bildungspolitik aufwarten. Alles, was Rang und Namen hat, ist anwesend: mehrere Landesbildungsminister, Hochschulrektoren, Bundestagsabgeordnete und die Sprecher der studentischen Hochschulgruppen.

Studierbarkeit: Ein Wohlfühlthema

Eröffnet wird die Diskussionsrunde mit dem Thema Studierbarkeit. Ein Wohlfühlthema, denn hier vertreten eigentlich alle Beteiligten die gleiche Meinung: Die Hochschulen brauchen mehr Geld, der Stellenwert der Lehre muss erhöht werden, Studierende müssen stärker in die Ausgestaltung der Studiengänge mit einbezogen werden. Auch das Thema Anwesenheitspflicht wird angesprochen, und unter allen Teilnehmern findet sich kein Einziger, der sie grundsätzlich befürwortet. Erste Diskrepanzen treten bei der Frage nach der Finanzierung auf: Schavan bietet zwei Milliarden Euro, Hochschulvertreter fordern elf Milliarden.

Im zweiten Akt ist es jedoch vorbei mit der Harmonie. Ben Stotz, Mitglied im Verband Die Linke.SDS und Student an der FU, spricht die Reizparole aus: „Master für alle“. Endlich gibt es Widerspruch, endlich kommt eine echte Diskussion zustande. Vertreter der Kultusministerkonferenz erklären, durch die Ermöglichung des Masters für alle werde die Idee der Bologna-Reform „ad absurdum geführt“. Gerade wird das Klima etwas rauer, da entschließen sich die beiden Vertreter des Bildungsstreiks, den Gipfel platzen zu lassen: Sie beschweren sich darüber, dass die Bildungsmisere an den Schulen ignoriert werde, werfen Schavan vor, sie wolle nicht auf Augenhöhe mit ihnen diskutieren, und verlassen aus Protest den Saal; Ben Stotz, der bis dahin noch auf dem Podium saß, schließt sich ihnen an. Die ganze Szene wirkt einstudiert, ein konkreter Anlass für den Eklat fehlt. Man bekommt den Eindruck, die Studierenden wollten weniger konstruktiv mitarbeiten als vielmehr den Showeffekt für ihre Zwecke nutzen.

Monolog statt Diskussion

Schavan nimmt das Ereignis als Vorwand, sämtliche Rednerlisten zu ignorieren, läuft zum Podium und ruft: „Wir nehmen euch ernst, aber ihr müsst auch uns ernst nehmen.“ Dann legt sie zwanzig Minuten lang ihren Standpunkt zur Thematik dar. Die Diskussion wird zugunsten ihres Monologs unterbunden. Wer noch nicht wusste, wie die Bildungsstreik-Aktivisten zu der Überzeugung kommen, dass ein Gespräch auf Augenhöhe mit Schavan nicht möglich ist, weiß jetzt Bescheid.

Am Ende der Konferenz lädt Schavan dazu ein, im nächsten Jahr einen weiteren Gipfel zu veranstalten. Das bleibt die einzige Zusage, zu der sie sich durchringen kann. Viele erklären die Veranstaltung für gescheitert, und tatsächlich wurde der Ruf nach einem Aktionsplan nicht einmal in Ansätzen beantwortet. Wenn in den nächsten Wochen nichts geschieht, werden die Studierenden bei der nächsten Bolognakonferenz wohl nicht mit am Tisch sitzen, sondern wieder draußen vor der Tür stehen und demonstrieren.

Was ist zu tun? Die Hochschulrektorenkonferenz sollte sich den Konsens des Gipfels zu Herzen nehmen und die Vorschläge schnell umsetzen. Zum Beispiel könnte sie sich mit einem einfachen Votum gegen die Anwesenheitspflicht aussprechen; tut sie das nicht, geht ihr auch der letzte Rest an Glaubwürdigkeit verloren. Am Ende hängt es also wieder an den Anwesenheitslisten. Vorhang. Applaus.

6 Kommentare

  • Danke für den amüsanten Artikel. Mir wird allerdings nicht klar, welcher Zusammenhang zwischen Schavan und den Anwesenheitslisten besteht…
    Mir ist sowieso nicht klar, wieso diese Zettel soviel Aufmerksamkeit bekommen. In meiner simplen Welt geht es etwa so: Entweder studier ich was ich studieren will und gehe aus selbem Grund regelmäßig in die Veranstaltung und mir sind die Listen egal, oder ich hab kein Bock auf die Veranstaltung, geh nicht hin und lege auch keinen Wert darauf mir meine virtuelle Teilnahme bescheinigen zu lassen. Es gibt ne Liste oder nicht, aber welche Relevanz hat das jetzt für mich?
    Ich freue mich über Aufklärung 😉

    (PS: Ich kenne das Argument mit den berufstätigen Studenten. Fast alle die ich kenne arbeiten während des Studiums – von diesen schaffen es aber alle, beides zu koordinieren. Neue Argumente bitte.)

  • Naja, wenn manche Veranstaltungen zwingend erforderlich für den Abschluss des Studiums sind, die einen aber nicht die Bohne interessieren, dann ist es halt blöd, wenn man da hinmuss.

    Die Anwesenheitslisten sind m.E. nach mit einer größeren Frage verbunden: Wer bestimmt was die Studierenden lernen sollen? Dürfen die Studierenden selbst nach ihren Neigungen bestimmen oder tun das andere für sie.

    Zweites Argument: Studierende mit Kindern, Familie o.ä.

  • dieses erste argument ist tatsächlich älter als die bildung selbst – und hinfällig: bis zu einem gewissen grad muss heranwachsenden der curriculum vorgegeben werden, das ist der rest, der vom studium generale übriggeblieben ist. damit ist auch das zweite argument entkräftet: diese hochschuldebatte hat dazu geführt, dass studenten keine demütige haltung vor der bildung mehr haben, sondern geradezu in die rolle des aktiven akteurs hineingedrängt werden, der sie mangels selbstbestimmtheit (anwesenheitslisten) gar nicht gerecht werden können. diese letzte bastion nicht aufgeben – sondern überlegen, ob studenten tatsächlich „prosumer“ sein müssen!

  • hey filip, erstens gibt es genug studis, die besser lernen wenn sie zuhause den reader oder das skript der vorlesung durchgehen, als wenn sie in ’nem hörsaal sitzen. für die ist eine anwesenheitspflicht reine zeitverschwendung. zweitens sind wir alle erwachsene menschen, für die ist dieses theater mit den anwesenheitslisten mehr als unwürdig. drittens studier ich ja nicht, weil ich das essen in der mensa so geil finde, sondern weil ich was lernen will – die anwesenheitspflicht unterstellt mir dagegen, dass ich gezwungen werden muss zur uni zu kommen. das ist bisschen beleidigend 😉

  • Hm, das Essen in der Mensa ist so schlecht nicht … an den meisten Tagen.

    Ich muss vielleicht auch dazuschreiben, dass ich persönlich bereits ein Studium abgebrochen habe, nachdem ich festgesetellt habe, dass ich mit den Veranstaltungen nichts anfangen konnte und dass ich jetzt das Privileg genieße, hochzufrieden zu sein mit den Auswahlmöglichkeiten an Seminaren, die sich mir an der FU bieten. Wenn einem die Teilnahme so eine Last ist, kann man durchaus einen Studienabbruch erwägen.

    Ich studiere allerdings nun auf Magister – und vielleicht ist das der Grund, wieso ich die Position der BA-Studis nicht nachvollziehe. Für mich gibt es wenige verpflichtende & langweilige Veranstaltungen, die ich nicht ersetzen könnte. Ich bin gern in meinen Veranstaltungen.

    Das mag nach Schönfärberei klingen, aber ich habe mich durchaus in den Protesten engagiert und sehe nicht alles verblendet. Ich war mir bloß nicht schlüssig, weshalb gerade die A-Listen ein solches Aktionspotential erzeugen.

    Ich denke, dass die Selbstbestimmtheit der Studenten nicht so sehr von den Bedingungen der Institution Hochschule abhängt. Um meinen Gedanken zum Abschluss zu bringen: Ich halte die Rolle des Bildungssystems für die Berufsvorbereitung und Persönlichkeitsbildung für massiv überschätzt. Zumindest in der institutionellen Form, die in der BRD die überhand hat. Die hiesigen Proteste, soweit ich das wahrnehme, hapern in erster Linie an ihrer Fixation auf die angebliche Macht igendwelcher Institutionen, gegen die man sich auflehnen will. Aber diese Macht ist vor allem virtuell, faktisch kann sich Mme Schavan evtl noch aussuchen, ob sie morgens einen Espresso oder Cappuccino bevorzugt (ja, achtung, Polemik). Und was hat sie mit unseren A-Listen am Hut?

    Die Realität ist da schon weiter und wir Protestler wundern uns unterdessen, wieso wir Häme auf uns ziehen.

    Aus meiner Sicht: A-Listen-Bashing = Schattenboxen.

  • PS, wollte noch hinzufügen:

    Die Grundargumente des Protests bedienen sich häufig einer marxistischen Romantik, die an den Lebensrealitäten der Protestierenden meilenweit vorbeiführt. (Kapitalismuskritik ist im dutzend billiger, aber Konsumverzicht nicht sehr sexy.)

    Und daraus folgend klingen meisten Argumente, als ob der Mercedes-Fahrer in Spe vehement dafür streitet, dass in Zukunft alle bitte auf Maultiere umsatteln sollen.

    Ach, süße Polemik.

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