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Im Zweifel für den Angeklagten?

2009 veröffentlichte Claude Lanzmann in Frankreich seine Memoiren. Darin dichtet er Edwin Redslob, dem Kunsthistoriker, Mitgründer des Tagesspiegels, Rektor und Logospender der Freien Universität, ein Gedicht an Emmy Göring an. Anchalee Rüland gab sich das anschließende Feuilletongerangel.

Ehre, wem Ehre gebürt: Edwin Redslob in der Hall of Fame des Henry-Ford-Baus. Foto: Anchalee Rüland


Edwin Redslob war nicht nur Theoretiker, sondern auch Gestalter. Er wagte Abstecher in die Kunst. 1948 zeichnete er das pseudotraditionelle Logo der Freien Universität. Dass Redslob auch als Dichter zweifelhaft war, will nun Claude Lanzmann in seinen Memoiren bewiesen wissen. Lanzmann ist seit seinem 9-stündigen Dokumentarfilm „Shoah“ 1985 kulturpolitisch nicht mehr wegzudenken. In diesem Jahr nun sollen seine Erinnerungen mit dem Titel „Der patagonische Hase“ in Deutschland erscheinen.

Das findet Christian Welzbacher, der 2009 eine liebevolle Biografie über Edwin Redslob veröffentlichte, gar nicht gut. „Edwin Redslob: Biographie eines unverbesserlichen Idealisten“ – wer einen Toten zur Leuchtfigur biographiert, der Monate später als Nazi denunziert wird, ärgert sich naturgemäß. Material genug für Feuilletongerangel, wie es sonst nur Sloterdijk und Broder provozieren. Die Holtzbrinck-Medien stehen Welzbacher zur Seite, schließlich war Redslob Tagesspiegel-Mitgründer. Die FAZ hingegen findet Welzbacher nervig – „dass Lanzmann flunkert, überhöht, stilisiert, dramatisiert, gehört zum Charme seiner Erzählungen“.

Um was geht es konkret?

In den strittigen Passagen erinnert sich Lanzmann an seine Zeit als Lektor an der FU. 1949 erlebte er das Dahlemer Umfeld als braunen Sumpf, in dem seiner Auffassung nach auch der damalige Präsident, Edwin Redslob, bis zum Halse steckte. Entnervt, weil ihm vom französischen Stadtkommandanten ein Seminar über Antisemitismus an der FU verwehrt wurde, schrieb Lanzmann einen Artikel, in dem er gegen die Widersprüche zwischen dem Wunsch nach Entnazifizierung und der Haltung an der FU protestierte. Im Osten bat die „Berliner Zeitung“ dafür freudig Publikationsfläche. Daneben setzte sie ein Gedicht Redslobs, dem sie eine Widmung an Emmy Göring unterstellte.

Eine Tatsachenverdrehung, die Lanzmann 60 Jahre später wieder aufgreift. Dabei muss er es besser wissen. Bereits einen Tag nach Erscheinen veröffentlichte die Freie Universität eine Gegendarstellung im Tagesspiegel. Redslob habe das Gedicht schon vor Jahren auf Wunsch der Kopenhagener Porzellanmanufaktur geschrieben, die es jedem Käufer mitlieferte. Auch Emmy Göring mochte eben Porzellan. „Vielleicht entdeckt die Berliner Zeitung eines Tages ein solches Service mit diesen Versen bei dem ‚Präsidenten’ Pieck. Dann wird sie daraus beweisen, Professor Redslob sei ein guter Kommunist“, so die FU im Tagesspiegel.

Was ist mit der „Nazibürokratie“, die Lanzmann der FU für die Anfangsjahre bescheinigt?

Jochen Staadt, Historiker an der FU, sieht Lanzmanns Äußerungen relativ: „im Vergleich zu anderen deutschen Universitäten befanden sich an der FU nur sehr wenige Professoren mit bekannter Nazi-Vergangenheit, wohl aber ungewöhnlich viele aus der Emigration zurückgekehrte rassisch und politisch Verfolgte des NS-Regimes.“ Zudem sei die Aufarbeitung der NS-Zeit an der FU moralische Verpflichtung gewesen.

Dennoch erstaunt, wie problemlos der Intellektuelle Redslob die Weimarer Republik, das Dritte Reich und die Nachkriegszeit durchlief. So würdigt die Süddeutsche Zeitung Redslobs zweifelhafte Kunst: „Das Geschick jedoch, mit dem er es verstand, die drei großen Epochenbrüche der Deutschen Geschichte, die sein Leben wie das vieler anderer kennzeichneten, so überaus erfolgreich wie auffällig unauffällig mit der eigenen Biographie zu vermitteln, macht ihn als Phänotyp exemplarisch.“

Ein Kommentar

  • „Im Osten bat die „Berliner Zeitung“ dafür freudig Publikationsfläche.“

    Ein Tipp für Deine Karriere bei Springer: Auf solide Deutsch-Kenntnisse wird sogar dort Wert gelegt.

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