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Seit der Finanzkrise wird der Berufseinstieg immer schwerer. Wie werden Absolventen damit fertig und was raten die Arbeitsmarktexperten? Von Laurence Thio.

Wenn Absolventen vom »Arbeitsmarkt« reden, hört es sich an, als würden sie von einem fernen, erbarmungslosen Ort sprechen.

Illustration: Pia Bruer

Die Uni als Bunker. Dass die Uni einmal ihr Schutzraum wird, hätte Evelyn nicht gedacht. Sie ist 33 Jahre und studiert einen Master in Editionswissenschaft an der FU Berlin. Einen Magister in Slawistik und einen Doktortitel hat sie bereits, nach der Promotion fand sie nicht schnell genug einen Job, dann kam die Weltwirtschaftskrise. »Komme, was wolle, jetzt habe ich wenigstens das Studium, spezialisiere mich weiter und mache parallel ein Verlagspraktikum«, sagt die 33-Jährige. Der Master verschafft ihr eine Schonfrist, bis sich das Klima auf dem Arbeitsmarkt verbessert hat.

Wenn die Absolventen in diesen Tagen das Wort »Arbeitsmarkt« benutzen, dann klingt es so als würden sie von einem fernen, erbarmungslosen Ort sprechen. Kontaminiert sind die Versprechen und Perspektiven, unter denen sie ihr Studium einmal begannen. Auf dem Arbeitsmarkt schlägt sich die Krise, ein Jahr nach dem Ausbruch, vollends nieder.

Arbeitslosigkeit um ein Viertel gestiegen?

Im Oktober veröffentlichte Wilhelm Adamy, Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), eine Sonderauswertung der Arbeitslosenzahlen. Demnach hat sich die Arbeitslosigkeit bei Personen mit Abitur und Hochschulreife im ersten Krisenjahr um beinahe ein Viertel erhöht. Der Anteil der Hartz- IV-Bezieher stieg in derselben Gruppe ebenfalls um ein Siebtel.

Bei Realschülern (5,4 %), Hauptschülern (10,8 %) oder Personen ohne Schulabschluss (5,5 %) gab es einen geringeren Anstieg der Arbeitslosigkeit. Besonders betroffen ist die Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen. Was die DGB-Veröffentlichung zeigt, ist, dass der Berufseinstieg schwieriger geworden sein könnte. Adamy sagt: »Berufsanfänger sind als Erste vom Einstellungsstopp betroffen.« Eine spezielle Statistik über Berufseinsteiger führt die Arbeitsagentur aber nicht. In diesem Bereich gibt es deshalb wenig gesicherte Zahlen. Kolja Briedis vom Hochschulinformationssystem (HIS) erwartet ebenfalls einen erschwerten Berufsstart für Absolventen: »In Krisenzeiten verlängern sich die Suchzeiten, der Anteil der unbefristeten Verträge erhöht sich und Einstiegsgehälter sinken.« Wenn ein Geisteswissenschaftler nach dem Studium bis zu einem Jahr arbeitslos war, könnten in Krisenzeiten daraus bis zu zwei Jahre werden. Auch Absolventen technischer und wirtschaftswissenschaftlicher Studienfächer müssten sich auf Suchzeiten von bis zu einem Jahr einstellen, sagte Briedis.

»Ich hatte mich auf den Berufsstart gefreut«

Trotz dieser Aussichten ist Lena optimistisch in die Jobsuche gestartet. Sie hat Wirtschaftswissenschaft an der FU Berlin studiert. »Ich habe mich qualifiziert gefühlt«, sagt die 26-Jährige. Sie hat in der Regelstudienzeit abgeschlossen, vier Praktika gemacht und zwei Auslandssemester an der Copenhagen Businessschool und in Barcelona verbracht. Lena möchte im Marketing einen Job finden, bisher hat sie nur Absagen bekommen. »Ich hatte mich auf den Berufsstart gefreut und jetzt sitze ich zu Hause rum«, sagt sie. Einen völlig anderen Beruf möchte sie nicht ergreifen. Auch Tom meinte, gut vorbereitet zu sein: Nach seinem Soziologiestudium hatte er ein Einser-Diplom, Auslandsaufenthalt, Praktikum und Praxiskontakte zu einem renommierten Wirtschaftsinstitut zu bieten. Bekommen hat er bisher nur Hartz-IV. Seit einem Jahr ist Tom auf Jobsuche, er wirkt ratlos: »Manchmal schaffe ich nicht mal die sieben Bewerbungen zu schreiben, die das Arbeitsamt verlangt, damit ich weiter Hartz- IV bekomme. Es gibt zu wenig passende Stellenangebote«.

»Übergangsjobs annehmen«

Sich ein oder zwei Jahre ausschließlich zu bewerben hält Kai Stapelfeldt für keine gute Idee: »Studenten sollten lieber Übergangsjobs annehmen, die im großen Rahmen mit dem eigentlichen Berufsziel zu tun haben. Die Zeiten der großen Möglichkeiten sind leider erst mal vorbei!« Stapelfeldt ist hauptamtlicher Koordinator von Studilektor, einem gemeinnützigen Verein, der Studierende in Hamburg und Berlin bei ihrer Abschlussarbeit betreut. Er rät den Studierenden: »Bereits in der Abschlussarbeit ein Thema wählen, für das es eine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt gibt.« Auch Ingrid Arbeitlang vom Hochschulteam der Arbeitsagentur der FU Berlin empfiehlt verstärkten Austausch mit anderen Jobsuchenden: »Der Austausch hilft, mit der Arbeitslosigkeit zurecht zu kommen und daraus können sich auch Chancen ergeben.«

»Was sollen wir machen?«

»Die reine Euphorie hatte ich nach meinem Abschluss nicht«, sagt Conny, trotz sehr gutem Abschluss. Eigentlich habe sie Journalistin werden wollen, sagt sie. Neben dem Studium hat sie Redaktionspraktika absolviert, als freie Mitarbeiterin gearbeitet und sich auf Volontariate beworben. Dennoch musste Conny einsehen: »Auf absehbare Zeit ist damit kein Geld zu verdienen«. Jetzt macht sie weitere Praktika. Ein halbes Jahr bei einer der renommiertesten Werbeagenturen Deutschlands und später bei einem Wirtschaftsmagazin. Was kommt nach den neun Monaten Praktikum? Conny weiß es nicht. Sie würde diese Frage gern weitergeben. Denn die Situation der Uni- Absolventen ist paradox: Sie sind sehr gut ausgebildet, haben früh die Praxis gesucht und bleiben seit der Krise arbeitslos: »Was sollen wir machen?« Adäquate Antworten finden die Arbeitsmarktexperten darauf auch nicht. Sie sprechen von »langem Atem«, »Gelassenheit und Hartnäckigkeit« oder »Weiterbildungen und Übergangsjobs«. Etwas Trost kann Kolja Briedis von der HIS geben. Er führt regelmäßig Absolventenstudien durch: »Die verschiedenen Absolventenjahrgänge gleichen sich binnen fünf Jahre nach dem Studium unabhängig von der Ausgangssituation an. Sie sind dann zu gleichen Teilen erwerbstätig. « Seine Studien zeigen, dass ein Hochschulabschluss nach wie vor der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist. Auch wenn es sich für viele Berufseinsteiger derzeit anders anfühlt.

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