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Wir Baustellenkinder

Nach zwei Jahren Magister ist Tin Fischer freiwillig auf Bachelor umgestiegen. Jetzt hat er den Master und denkt: Ach, Bologna. Nicht der Rede wert.

Blick auf Bologna

Illustration: Michi Schneider


Warum genau ich die Abschlussrede halten sollte? Nun: Die eine Kommilitonin konnte nicht, die andere wollte nicht und alle restlichen Masterstudenten sind noch nicht fertig. Blieb ich, der der Festgemeinde die Frage beantworten sollte, die gerade die ganze Bildungsrepublik bewegt: Wie war es, dieses Bologna-Studium?

Liest man in diesen Tagen die Zeitungen von der Kreuzberger taz bis zur abendländischen FAZ, muss es schlimm gewesen sein. Die Studienbedingungen: »unannehmbar«. Das Studierverhalten der Studenten: »demoralisiert«. Das Vergnügen am Studium: »sinkend«. Der Bologna-Plan als Ganzes: »gedankenlos«. Dabei schief gelaufen: »was nur schieflaufen konnte«. Die deutsche Universität nach der Reform: »zerstört«.

Alles war mit dabei, was in Deutschland zu einer Debatte gehört, die »geführt werden muss«. Von streitenden Philosophen in der ZEIT bis zu DDR-Vergleichen in der FAZ. Einmal soll das Bologna-Studium »wie ein sozialistischer Fünfjahresplan« riechen, dann wieder »den Geist von McKinsey« atmen. Dabei ging es mal wieder um nichts Geringeres als das Grundsätzliche und das große Ganze. Ein Philosophieprofessor klagte, dass ihm an der Reform eine »überzeugende kulturelle Leitidee« fehle, schlug einen Kompromiss vor, der jedoch prompt mit der Behauptung gekontert wurde, dass er kein »kohärentes Gesamtbild« ergeben würde, wie ein deutsches Hochschulsystem für das 21. Jahrhundert aussehen könnte.

Damit sollte man eigentlich eine Fünf-Minuten-Rede füllen können. Wenn man sich nicht a) von solchen Grundsatzdebatten restlos überfordert fühlen würde. Und wenn sich b) die Debatte zu meinem Studium nicht in etwa so verhalten würde wie die Karaokegesänge an unseren Institutsfeiern zum Originalgesang von Liam Gallagher: permanent zu hoch.

Ich bin nach zwei Jahren freiwillig ins Bologna-System umgestiegen. Nicht etwa weil ich von einer kulturellen Leitidee angetan war. Ich fand einfach die alten Studiengänge – wie soll ich sagen? – seltsam. Den akademischen Tiefpunkt erreichte mein humboldtsches Studium irgendwann in Semester 4. An die krude Idee, dass wir Studenten, die von nichts eine Ahnung, aber immerhin zu vielem eine Meinung hatten, uns mit Referaten gegenseitig selbst unterrichten mussten, hatte ich mich allmählich gewöhnt. Dass ich aber ungestraft einen Lexikonartikel als Referat vortragen konnte und dafür auch noch zehn Leistungspunkte erhielt, fand ich dann doch irgendwie zu viel. Ich dachte, dass ein bisschen Disziplin und Grundlagenwissen vielleicht nicht schaden können.

Soeben hat der Autor Adam Soboczinsky ein Pamphlet gegen die Bologna-Reform geschrieben. Er meinte, dass der deutsche Student wieder bummeln solle. Denn der deutsche Student sei auf eine Weise fleißig gewesen, »die man tatsächlich nur als bummelnd im Sinne von spazierend oder herumstreunend bezeichnen könne. Und es machten bisweilen ausgerechnet jene Karriere, die zum verwilderten, zum absichtslosen, zum ungezwungenen Denken, zur störrischen Individualisierung, zu Eigenständigkeit neigten. Die ebendas verabscheuten, was den Universitäten heute ihr Heiligstes ist: verschulte Studiengänge mit Studienzeiten und Studienkonten, berufspraktische Übungen, Kontrollen und Vergleichbarkeitskriterien …«.

Nach drei Jahren Bologna kann ich beruhigen: Selbst an meinem amerikanisch geführten Kennedy-Institut ist die Ordnung in etwa so heilig wie die Bibel dem Sonntagschristen. Ach, die Kontrolle. Klar hat Bologna so viele Regeln wie das Alte Testament. Aber niemand kennt sie alle. Deshalb kann sie auch niemand kontrollieren. Tut man als Student so, als würde man sie kennen (»Ich habe in der neuen Studienordnung gelesen«), kann man sie sich selbst zurechtlegen (»Da steht jetzt neu: […]«). Es gibt Studenten, die haben aus dem Bologna-Chaos ganze Urlaubssemester herausgeschlagen.

Oder die Vergleichbarkeit. Natürlich ist unter Bologna jeder ECTS-Punkt genormt. Warum in einigen Seminare der Arbeitsaufwand trotzdem zehnmal größer war als in anderen? Er ist noch immer allein vom Dozenten abhängig. Bologna hin oder her: entscheidend ist nach wie vor einzig und allein, wo man studiert hat. In unserem Fall ist die Antwort aber weder »in Berlin« noch »an der FU« noch »an einer Exzellenzuniversität«, sondern: »auf einer Baustelle«.

Da stand die Bibliothek des Kennedy-Instituts, die gerade in Schutt gelegt und neu aufgebaut wurde. Und da war die neue Studienordnung mit ihren zahlreichen »handwerklichen Fehlern«, die gemäß Bildungsministerin Annette Schavan jetzt endlich korrigiert werden sollten. Drei Charaktere haben sich beim Studium auf diesen Baustellen in unser Bewusstsein gebohrt. Zunächst natürlich die Bauarbeiter, die mit ihren Schlagbohrmaschinen das Gebäude die Richterskala hochtrieben und dabei KISS FM hörten. Da hatte man plötzlich neben sich ein Loch im Boden, aus dem leise »Knockin’ on Heaven’s Door« spielte.

Etwas weniger laut ging es im Institutsrat zu. Da sind jene Professoren, die bei jeder Regelkorrektur fürchten, gegen eine höhere Ordnung zu verstoßen; und jene, die ein Reglement nicht verändern können, weil das ein Eingeständnis wäre, dass auch die Studienordnung einer Exzellenzuniversität handwerkliche Fehler haben kann. So hatte man eines bald gelernt: Das Korrigieren von handwerklichen Fehlern, die sich auch durch viel Diskutieren und Zitieren alter Geistesgrößen nicht lösen, ist an deutschen Universitäten psychologisch schwierig.

Wir hatten mal eine Liste solcher Fehler für unseren Studiengang gemacht. Die schlechte Nachricht ist: es waren alles Dinge, gegen die man weder überzeugend auf die Straße gehen noch eine flammende Rede halten kann. »Die interdisziplinäre Hausarbeit auf 10 Seiten und 5 Bücher reduzieren, da sie in der Regel in einem fachfremden Gebiet geschrieben wird und man auf keinen bereits vorhandenen Grundlagen aufbauen kann« – das kann man nicht auf ein Transparent schreiben. Die gute Nachricht ist jedoch: Eine kurze Mail an den Dozenten genügt und der Fehler ist korrigiert.

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