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Gabriel und Steinmeier auf Streikfühlung

Am Dienstag luden Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel zum Bildungstalk. Warum daraus eher ein blutleeres Brainstorming wurde, erklärt Christina Peters.

Die Studierenden sollen eine Wunschliste für Gabriel erstellen - fast wie beim Weihnachtsmann.Die Studierenden sollen eine Wunschliste für Gabriel erstellen – fast wie beim Weihnachtsmann.

Text: Christina Peters Illustration: David Goldwich

Zumindest eines der Bildungsprobleme haben sie persönlich bemerkt: „Lasst uns mal zu einem kleineren Kreis zusammen kommen und das diskutieren,“ sagt Frank-Walter Steinmeier zum überfüllten Hörsaal A des Henry-Ford-Baus. Mehr Nähe geht nicht: An diesem Dienstag hörte sich der SPD-Fraktionsvorsitzende gemeinsam mit seinem neuen Parteichef Sigmar Gabriel die Nöte der Studierendenschaft an. Organisiert wurde dieses Plenum von der Juso-Hochschulgruppe der FU Berlin. Etwa genuines Interesse der SPD-Parteiführung, die in der letzten Bundestagswahl für mangelnde Wählernähe bestraft wurde?

Gabriel: „Sechs Flaschen pro Tag umsonst“

Sigmar Gabriel glückt die Inszenierung schon als er versehentlich vom Moderator  mit englischer Aussprache seines Namens vorgestellt wird und über die Anglifizierung des Bachelorstudiums witzelt. Mal ist er Bildungspoet („Bildung muss die Menschen trainieren, die Hürden auf ihrem Lebensweg zu überspringen“), dann Kommilitone, der von seiner Unzufriedenheit mit dem Lehramtsstudium, seinen Nebenjobs („Bierfahrer bei der Brauerei“) und deren Vorteilen („Sechs Flaschen pro Tag umsonst“) erzählt, dann wieder ganz Sozialdemokrat, der die „Verächtlichmachung“ des Steuerzahlens anprangert.

Der desinteressierte Teenager und der Klassenstreber

Die Studierenden werden zu Wort gebeten. Die Diskussionsrunde ist sachlich und überraschend zahm. Themen sind die föderalen Problemen der Bildungspolitik,  Mitbestimmung, Verschulung, Anwesenheitspflicht und Probleme bei der Durchlässigkeit des Bachelor-/Master-Systems. Gabriel notiert eifrig, schaut auf, nickt, runzelt die Stirn, schreibt weiter. Steinmeier trommelt mit den Fingern und wirkt neben Gabriel wie der desinteressierte Teenager neben dem Klassenstreber.

Steinmeier: merkwürdig blutleer

Zwischen Steinmeier und dem nur drei Jahre jüngeren Gabriel scheint eine Generationslücke zu klaffen, die nicht nur durch Steinmeiers weißes Haar angedeutet wird. Er scheint weder mit dem Thema noch mit dem Publikum viel anfangen zu können. Seine Vorrede ist merkwürdig blutleer. „Vieles oder alles war gut gemeint, vieles ist schlecht gelaufen“ fasst er die Bologna-Reform zusammen, es müsse sich was verändern. Weitere Floskeln folgen: „Mehr sozialen Einstieg“ müsse man ermöglichen, „den Blick weiten.“ Auch seine Antworten sind verwirrend in ihrer Substanzlosigkeit. Als es um die Berechtigung einer nationalen Bildungspolitik vor dem Hintergrund internationaler Proteste geht, erklärt er, dass die deutsche berufliche Ausbildung international am meisten gefragt sei und lobt GTZ und DAAD.

Gold in den Köpfen?

Die tatsächliche Diskussion betrifft, FU-typisch, die Exzellenzinitiative. An dieser Stelle wird klar, dass es sich wirklich nicht um einen Besuch à la „Wir kommen mal her und reden Ihnen nach dem Munde“ (Gabriel) handelt. „Ein Land, das kein Gold im Boden hat, muss auf das Gold in den Köpfen setzen,“ sagt er schon eingangs und disqualifiziert die Kritik über die Schieflage zugunsten von wirtschaftsfinanzierter Spitzenforschung als Missverständnis und Fehlinterpretation. „Was ist denn gesellschaftlich relevante Forschung und was nicht?“ fragt er rhetorisch. Ein Verzicht auf Spitzenforschung sei „tödlich für unser Land,“ das Ausspielen von Forschung und Bildung gegeneinander sei mit jedweden Vorzeichen falsch. Gabriel betont die Notwendigkeit wirtschaftlicher Leistung – irgendjemand müsse die Investitionen in die Bildung ja erarbeiten.

Auftakt einer Bildungsdebatte

Keine der Fragen wird letztlich geklärt, es bleibt beim Brainstorming mit abwägenden Stellungnahmen. Etwas anderes war aber auch kaum vorgesehen. Gabriel sieht die Sitzung als Auftakt zu einer Bildungsdebatte, die er gerne dauerhafter führen will. Zum Schluss lädt er die Forderungs-AG der Hörsaalbesetzer „und ein paar andere“ zur SPD-Vorstandssitzung am 14. Dezember ein, mit schriftlichen, konkreten Vorstellungen. Das Einreichen einer Wunschliste also, fast wie beim Weihnachtsmann. Man darf gespannt sein, ob Gabriel sich persönlich für die Erfüllung einsetzt.

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