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Wann brennt Berlin?

Die Wiener Protestwelle erreicht auch Berlin und entfacht den Bildungsstreik aufs Neue. Auf der Vollversammlung am Mittwoch wurde beschlossen, die Proteste aus dem Sommer fortzusetzen. Erste Maßnahme: Die Besetzung des Hörsaals 1a in der Silberlaube.

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Erst Zeltlager errichtet, dann den Hörsaal besetzt. Der Bildungsstreik an der FU ist zu neuem Leben erwacht.

Text: Hendrik Pauli                    Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Seit nunmehr drei Wochen halten Studierende Hörsäle besetzt, um ihrer Forderung nach einer Verbesserung der Studienbedingungen Nachdruck zu verleihen. Infolge der Besetzung der Uni Wien solidarisierten sich Studierende in ganz Deutschland mit den österreichischen Kommilitonen. Seit dieser Woche brodelt es nun auch wieder an der FU. Nachdem am Donnerstag vergangener Woche zunächst ein Zeltlager im Foyer der Silberlaube errichtet worden war, wurde mit der Einberufung der Studierenden-Vollversammlung (VV) nun eine neue Runde im Bildungsstreik eingeläutet.

Wiener Protestler bejubelt

Circa 500 Menschen kamen zu der von den Bildungsstreikaktivisten einberufenen VV und verliehen ihrem Anspruch auf ein besseres Bildungssystem erneut Nachdruck, ohne jedoch konkrete Forderungen aufzustellen. Neben Studierenden aus Potsdam sowie Vertretern der Gebäudereiniger und des Studentenwerkes wurden auch Studierende aus Wien begrüßt. Unter johlendem Beifall des Plenums berichteten sie von ihrem bisher erfolgreichen Dauerstreik. Die Bewegung habe sich mittlerweile zu einem „Flächenbrand“ ausgebreitet, konstatierten Ramin, Veronika und Camilo. Die Veranstaltung heute sei nur als Vorhut zu verstehen, schon bald werde man an weiteren Fronten beschäftigt sein. Dafür wiederum müsse eine „breite solidarische Front“ gebildet werden, forderten sie.

„Potsdam brennt, Berlin bald auch!“

Die sich anschließende offene Diskussionsrunde entwickelte schnell eine ganz eigene Dynamik. Deutlich wurde, dass es den Anwesenden um mehr geht, als um eine bessere Ausstattung der Unis und weniger Gängelung der Studierenden. Die Bildungsmisere sei nur ein Symptom einer allgegenwärtigen gesellschaftlichen Krankheit, hieß es. So regte John, Mitglied des StuPas für die Revolutionäre Liste, neue Aktionsformen an, die über die Uni hinaus gehen. Der ganze Alltagsbetrieb müsse zum Stillstand gebracht werden, sagte er. Wie Zunder wirkten solche Parolen auf die aufgeheizte Stimmung. Eine Studentin der bereits besetzten Uni Potsdam appellierte sogar: „Potsdam brennt, Berlin bald auch!“

Profs und Mitarbeiter miteinbinden

Besonnener wirkte – trotz leidenschaftlichen Vortrags – Ex-OSI-Prof. Peter Grottian, der die Studierenden aufforderte, den mit dem Streik sympathisierenden Teil des Lehrkörpers mit ins Boot zu holen. Die Zeit der Lippenbekenntnisse von Dozenten und Mitarbeitern müsse ein Ende haben. Von anderer Seite kamen Mahnungen, das legitime Anliegen des Aufbegehrens nicht nur auf exklusiver linker Flamme zu kochen. Die Diskussion müsse für alle Studierenden offen gehalten werden, hieß es. So erntete Olli von der Spartakistischen-Jugend auch genervte Buh-Rufe für seine Forderung nach Einführung einer „internationalen sozialistischen Planwirtschaft“.

Höhepunkt: bundesweite Demonstration

Am Ende herrschte jedoch wieder große Einigkeit: Die überwiegende Mehrheit der Anwesenden stimmte für die Besetzung des Hörsaals 1a. Außerdem wurden verschiedene Arbeitsgruppen zur Planung der Proteste gebildet. Höhepunkt sollen die bundesweiten Demonstrationen am 17. November werden. Die österreichische Abordnung war derweil schon auf dem Weg zu den nächsten Einsatzorten HU, TU, den Unis Potsdam, Münster und Bonn. Man sei angetan von der entschlossenen Stimmung an der FU, meinte Ramin, wenn auch der Hörsaal in relativer Ordnung besetzt und nicht wie unlängst in Wien gestürmt wurde.

5 Kommentare

  • „[…] ohne jedoch konkrete Forderungen aufzustellen.“

    Das mit den Forderungen ist immer so eine Sache. Zunächst: Die Proteste haben ihre organisatorischen Wurzeln bei den hochschulpolitisch aktiven Menschen – und die sind zumeist politisch „links“ orientiert. Diesen Aktiven haben wir alle viel zu verdanken. Sie opfern Zeit und Nerven, während die meisten Studierenden stromlinienförmig Karriere machen und über die „Linken“ abfälliges Gerede geltend machen.

    Es ist also nicht verwunderlich, wenn dann auf einer VV plötzlich „linke“ Stimmen zu Worte kommen. Doch ganz so doof sind die Aktiven dann auch wieder nicht. Es gibt hier sehr differenzerte Auseinandersetzungen (sage ich als Beobachter) und die gemäßigten Stimmen behalten bis jetzt die Oberhand.

    Es gibt konkrete Forderungen! z.B. die Forderung den sinnfreien ABV Block in einen wahlfreien Modulbereich umzuwandeln. Weitere Forderungen decken sich ziemlich mit denen von Nida-Rümelin, die dieser am 29.10. in einem ZEIT Artikel äußerte (http://www.zeit.de/2009/45/Bachelor-Kritik).

    Daher: JETZT mitmachen. Nie war die Chance gehört zu werden größer. Die meisten Internetseiten zum Bildungsstreik sind interaktiv gestaltbar und offene Veranstaltungen gibt es genug.

    Es ist zwar schon alles gesagt, aber nicht von jedem!

  • Übliche Frage: Wer entscheidet eigentlich, dass alle stromlinienförmig Karriere machen (wollen), die nicht streiken wollen?

    Der Brand ist allerdings eigentlich eine schöne Metapher. Er entfaltet erst einmal nur destruktive Wirkung und die auch ohne eigenes Ziel, sondern in alle Richtungen, in die man den Brand sich ausbreiten lässt. Nachher erholt sich die Natur meist von allein. Oder es wird wieder aufgebaut, was brannte, und manchmal sogar schöner, als es vorher war. Nur sind darin die Brandstifter selten involviert.

    Waldbrände gibt es immer mal wieder. Uni-Brände auch. Ein Gewöhnungseffekt tritt ein.

    Was nun den Streik betrifft: Schade, dass es irgendwie den faden Beigeschmack trägt, als würde viel des Streik-Elans auf den Wunsch zurückgehen, Teil einer irgendwie coolen linken Protestbewegung zu sein. Schade, dass die Streikenden die Alternativen nicht beachten. Schade, dass das auch sonst kaum einer mehr tut und sich im konstruktiven Sinne hochschulpolitisch oder wie auch immer an der Uni engagiert. Schade, dass wir die, die da aber sind, nicht sehen.

    Schön, dass Furios sich über seine Ehrenamt-Serie dem widmen wird.

  • Randnotiz:

    Zu der Frage warum nicht Streikende stromlinienförmig Karriere machen würden.

    Diese Verallgemeinerung ist eben eine solche wie die, dass im Asta nur Ideologen sitzen. Dass meine Aussage nicht stimmt ist nicht schwer zu beweisen, schließlich kann man nicht davon ausgehen, dass 95% der FU Studierenden (also alle, die sich nicht am Protest (zumeist nicht einmal geistig) beteiligen) stromlienförmig Karriere machen würden. Wenn ich mir die Leute so angucke, die über den Campus schlendern, naja.
    Nein – ich war nur furchtbar gefrustet von einigen schrecklich ignoranten, eindimensionalen Kommentaren, die beim Tagesspiegel und auch auf den Seiten vom Bildungsstreik zu lesen sind. So entstehen dann Frustreaktionen.

    Im Ernst – was läuft verkehrt mit der Menschheit, dass ein Satz aus dem Jahre 1784 immernoch nicht durch besseres Tun wiederlegt werden konnte: „Faulheit[!] und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben.“

    Im Übrigen kann auf dieser Seite jeder Mensch konkret mitreden, wenn doch vielleicht Ideen in seinem Kopf leben sollten: http://www.bildungsstreik-berlin.de/wiki/index.php/Diskussion:AG_Forderungen#Sebstbestimmtes_Lernen

  • Kann er? Oder geschieht, was hier geschieht?

    http://bildungsstreik-berlin.de/articles/314-Was_machen_wir_mit_den_Linken

    Sind sie denn unmündig? Oder entscheiden sie sich mündig für eine Haltung, die uns nicht passt? (Und wenn, warum?

    Passt mir übrigens auch nicht. Und dann staune ich doch, mit diesem Gedanken behaftet, immer wieder darüber, was so viele Menschen außerhalb der Uni noch für ihre Gesellschaft tun.

    Engagement ist eben nicht nur politisch und nicht nur links. Wenn wir auf den Freiwilligensurvey schauen, offenbaren sich da ganz andere Verhältnisse.

    Und diese Werte möchte ich steigern. Die Zahl derjenigen, die sich bürgerschaftlich engagieren, ggf. auch an der Uni, aber warum denn nur da? Nicht die Zahl derjenigen, die streiken. Weil ich das eine für nachhaltig halte und das andere nur für eine immer wiederkehrende Episode, in der wir stets von vorn beginnen.

    Weil wir sogar dann auch viel mächtiger sind, wenn wir unsere Gesellschaft selbst in die Hand nehmen, als wenn wir da nach dem Staat rufen und uns nachher beschweren, dass andere im Staat die Mehrheit haben.

    Insofern will ich sagen: Ich finde es gut, dass es die Menschen gibt, die sich jetzt in diesem Streik versammeln. Wir brauchen sie. Ich finde es nicht gut, wie sie mit Haltungen umgehen, die von ihren abweichen. Das brauchen wir nicht.

  • Ich war jetzt vier Tage ununterbrochen bei der Besetzung dabei. Bisher hat es weder Beschädigungen gegeben noch eine Einschränkung des Lehrbetriebs. Das ist eine sehr softe Besetzung und alles andere als „Verbrannte Erde“. Auch haben wir bisher noch niemanden rausgeschickt oder ausgebuht, der/die abweichende Meinungen hatte. Wenn ihr unvoreingenommen an die Sache rangeht, werdet ihr sehen, dass es ein sehr demokratischer Prozess ist, der da passiert.

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