Der Streik der Wenigen | FURIOS Online
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Der Streik der Wenigen

Zwischen 10- und 20.000 Studenten haben gestreikt. Und was tun sie nächste Woche? Wieder studieren, meint Björn Stephan. Weil der Streik nur Allgemeinplätze bediente.

Immerhin mehrere tausend Studenten und Schüler protestierten am Mittwoch in Berlin. Laut den Initiatoren waren es 20.000. Polizeiangaben zufolge waren es 10.000. Die nackten Zahlen muten zunächst ordentlich an. Sind wir also doch nicht die egomanen „Krisenkinder“, zu denen uns der SPIEGEL zuletzt kürte? Konnte der Bildungsstreik das Vorurteil von der karrieregeilen und politikverdrossenen Generation widerlegen, für die uns alle halten? Ist er gelungen, der empirische Gegenbeweis zur Einzelkämpfer-These?

Mitnichten. Auf den zweiten Blick waren die Teilnehmerzahlen enttäuschend. 130.000 Studenten gibt es insgesamt in Berlin. 110.000 konnten nicht für die Demo mobilisiert werden. An der FU dasselbe Bild: Auf der Vollversammlung (VV) waren 1.300 Menschen anwesend. Das sind nur 4 Prozent der Studenten. Damit war die VV, die die Stimme der Studentenschaft sein soll, nicht einmal beschlussfähig. Wo waren die restlichen 30.000? Und warum sind sie nicht erschienen?

Dafür gibt es zwei Gründe: Die Initiatoren und die Inhalte. Daß der als umfassend geplante Bildungsstreik zur Veranstaltung einer kleinen Minderheit mutierte, liegt nicht an der Passivität der trägen Masse und auch nicht daran, dass es nichts zu verändern gäbe. Zweifellos muss das Bachelor/Master-System dringend verbessert werden. Trotzdem haben es die Organisatoren nicht geschafft zu mobilisieren. Auch wenn die lange Liste derer, die zum Streik aufgerufen haben, von den Jusos über Attac bis hin zu den Gewerkschaften reichte, war es doch an der FU einmal mehr die linke Clique aus dem AStA-Umfeld, welche den Streik plante. Und dessen dogmatische Starrheit und überkommene Rhetorik verstört nun einmal das Gros der Studenten. Ähnliches gilt für die Ziele. Sie waren einerseits schlichtweg unrealistisch, wie die Forderung, eine Urabstimmung über Dieter Lenzen abzuhalten. Andrerseits wurden zu viele Allgemeinplätze besetzt. Klar, in den Tenor von „mehr Kohle, mehr Freiheit, mehr Mitspracherecht“ können alle mit einstimmen. Aber was konkret mit dem Geld gemacht werden soll, diese Antwort blieb man schuldig.

Zu wenig Inhalt und zu viel Happening also. Sobald der Ruf: „Das Präsidium ist besetzt!“ durch den Hörsaal gellte, leerten sich die Reihen der VV schlagartig und der Protestzug strömte Richtung Präsidiumsgebäude. Dort wurde randaliert. Die Resolution, die diskutiert werden sollte, war plötzlich uninteressant. Ein weiteres Beispiel für diesen Aktionismus war der „Tag des zivilen Ungehorsams“. Die Idee dahinter: Man simuliert Banküberfälle, um in Zukunft Milliarden in Bildung statt in Banken zu investieren. Erreichen tut man mit solchem Populismus höchstens ein paar Schlagzeilen wie „Studenten stürmen Banken“ und „Clowns überfallen Bank im Namen der Bildung“. Die sinnvollen Forderungen verpuffen. Nächste Woche ist dann der Streik-Spuk vorbei. Und die Studenten studieren wieder.

5 Kommentare

  • „Die Resolution, die diskutiert werden sollte, war plötzlich uninteressant.“

    Abgesehen von der Tatsache, dass die Resolution vor dem Präsidialamt vorgelesen wurde für die Anwesenden und Polizisten.

    Lieber mal mit dabei sein als aus der Ferne kritisieren.

  • „Zu wenig Inhalt und zu viel Happening also.“

    Aus Sicht mancher auch zu viel Inhalt und dadurch zu wenig Richtung.

    Aber der Kommentar greift ein wesentliches Thema auf. Was kommt denn jetzt? Ich hab’s im LHG-Blog schon gefragt. Tritt denn jetzt wer in Verhandlungen ein?

    Die Medien haben jedenfalls ihre Berichterstattung bereits wieder weitgehend eingestellt. Im Tagesspiegel findet man immerhin noch folgendes Zitat:

    „Die Proteste müssten auch in den Schul- und Semesterferien weiter gehen, forderte Peter Grottian, FU-Professor und einer der Organisatoren des Bildungsstreiks, in seiner Ansprache.“

    Nährt der Protest also am Ende nur sich selbst?

    Ich wage eine Wetterprognose: 2010 wird wohl ein Streikjahr sein. Wie 2009. 2008. 2006. 2005. Ein einziges meiner viereinhalb Studienjahre ist damit streikfrei geblieben.

    In der gleichen Zeit habe ich kein Jahr erlebt, in dem die Beteiligten (beiderseits) ernsthaft Interesse gezeigt hätten, auch mal wirklich miteinander zu reden. Schade eigentlich. Es wäre doch zumindest mal den Versuch wert gewesen.

  • Gott sei Dank ist diese Scheiße jetzt vorbei und ich kann im OSI endlich das Buch abgeben.

    Mir ging der Streik sowas von aufm Sack, dass mir die Forderungen letztlich am Arsch vorbeigingen. Sorry, aber lieber den jetzigen Bachelor machen als irgend ein Abschluss, der von diesen selbstgerechten Streikspinnern ins Leben gerufen wird – wenn sie dazu überhaupt geistig und willentlich fähig sind.

  • Um ehrlich zu sein kam ich mir auf der Demo am Mittwoch auch eher vor wie auf einer antikapitalistischen Hetzkampagne, als auf einer Demonstration für ein besseres Bildungssystem. Schade eigentlich, denn an und für sich fand ich die Grundidee nicht schlecht. Viele Studenten sind nicht hingegangen und viele sind enttäuscht worden als sie hingegangen sind.

  • Mensch Björn, was war denn das für ein Buch? über politische Mündigkeit? Oder kritisches Bewusstsein? Oder Intelligenzsteigerung? Auf jeden Fall gut, dass Du´s wieder abgegeben hast, hat ja doch alles keinen Sinn…

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